Brettorf - Wenn es doch so einfach wäre: Heike und Jens Klüsener haben sich schon mehrmals anhören müssen, dass sie ihre beiden Söhne nicht erziehen könnten. Was viele Außenstehende jedoch nicht sehen: Ben (8) und Henry (10) leben mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Ihr Alltag gestaltet sich anders als der von Kindern ohne Autismus. Die Familie aus Brettorf will das Thema stärker in die Öffentlichkeit rücken – und zeigen, dass es eben nicht so einfach ist. Am Sonntag, 18. Februar, sind sie in dem TV-Format „Echtes Leben“ ab 13.15 Uhr im Ersten zu sehen, anschließend kann der Beitrag in der Mediathek aufgerufen werden.
„Sieht man gar nicht“
Eine Freundin von Heike Klüsener ist Regisseurin und bekam schon einiges aus dem Alltag der Familie mit. Als Klüsener ihr von einer Begebenheit erzählte, war sich die Freundin sicher: Dieses Thema sollte in einem TV-Beitrag behandelt werden. Henry war gestolpert, „oder vom Drehstuhl gefallen“, erzählt Heike Klüsener – jedenfalls habe ihr Sohn „furchtbar geschrien“. An einem Mittwochabend fuhr die 40-Jährige mit ihm zum Notdienst, nahm Ben mit. Die Ärztin habe die Situation heruntergespielt. Heike Klüsener versuchte, ihr zu verdeutlichen: „Er ist Autist, er hat ein anderes Schmerzempfinden.“ Die Ärztin habe den Jungen nur angeschaut und gesagt: „Autist? Das sieht man ihm gar nicht an.“
Klüsener sprach mit ihren Kindern: Die waren mit der TV-Produktion einverstanden. Über das vergangene Jahr verteilt wurde an zehn Tagen gedreht, der letzte Drehtag fand auf dem Bremer Weihnachtsmarkt statt. Die Familie wurde zwischendurch gefragt, ob diese oder jene Szene bleiben solle. Mit dem Beitrag wollen sie zeigen, dass Autismus keine „Modeerscheinung“ ist, betont Jens Klüsener – und wie man solchen Kindern helfen kann.
„Mittleres Spektrum“
Autismus kann unterschiedlich ausgeprägt sein. „Es nennt sich nicht umsonst Spektrum.“ Ben und Henry befinden sich im „mittleren Spektrum“, erklärt der 39-Jährige. Erst im persönlichen Umgang mit ihnen merke man, dass etwas anders ist. Seine Söhne besuchen die Grundschule Neerstedt. Mit den Lehrkräften stünden sie stets im Austausch, sagt Klüsener, zudem komme ab und zu jemand vom Autismuszentrum Oldenburg vorbei. In dem Zentrum gehen Ben und Henry einmal pro Woche zur Therapie.
In der Schule müssen die beiden mehr Zeit und Energie aufwenden. Besondere Tage wie Geburtstage können bei ihnen zur Überforderung führen. Wenn Ben fragt „Mama, wie spät ist es?“, reicht „vier Uhr“ nicht aus. Dann schaut er selbst auf die Uhr und sagt: „Es ist 15.58 Uhr.“ „Für uns ist es auch ein ständiger Lernprozess“, sagt Jens Klüsener. Zudem sei es stets eine Gratwanderung, ergänzt seine Frau: „Was kann ich ihnen zumuten? Man hinterfragt sich ständig selbst.“ Kapazitäten für Freizeitaktivitäten würden unter der Woche dann nicht mehr bleiben.
Hunde wichtig
Beim Fotografieren vor der Haustür der Klüseners rennt Ben aus dem Bild – die neunjährige Hündin Bluna darf auf dem Foto nicht fehlen. Der sechs Monate alte Vierbeiner Ronja nimmt neben Henry Platz. „Die beiden Hunde haben eine große Bedeutung für die beiden“, sagt Heike Klüsener. Bluna kommt zurück ins Bild und setzt sich hin. Jetzt ist Ben entspannter – und lächelt wie sein Bruder zufrieden in die Kamera.
