Ganderkesee/Steinkimmen - Eine herabfallende Sendeantenne in 1961, ein abstürzender Pilot in 1962, ein großer Tag der offenen Tür 2006 und schließlich Hubschrauber und Kräne, die 2017 den alten Rohrmast zurückbauen, nachdem der neue Gittermast seine Arbeit aufgenommen hat: Viel ist passiert am NDR-Sender Steinkimmen – mit 298 Metern einst das höchste Bauwerk der Bundesrepublik und mit 305 Metern ab 1962 zeitweise höher als der Pariser Eiffelturm. Rund fünf Jahre ist es nun her, dass die alte Röhre auf ein neun Meter hohes Denkmal heruntergekürzt wurde. Zeit zu fragen, was der neue Antennenträger so täglich leistet.
Radioprogramme sendet der Antennenträger sowohl analog über Ultrakurzwelle (UKW) als auch digital über Digital Audio Broadcasting (DAB+). Beim klassischen Rundfunk wird die Frequenz einer elektromagnetischen Trägerwelle so moduliert, dass sie im Bereich zwischen 87,5 und 108,0 MHz ein Nutzsignal (Musik und Stimmen) übertragen kann. Das Trägersignal wird dann beim Empfänger herausgefiltert.
Beim Digitalradio hingegen senden in einer Region mehrere Sender auf der gleichen „Frequenz“ und ergänzen sich somit. Das analoge Signal wird abgetastet, in eine Bitfolge gewandelt und mit einer Fehlerkorrektur versehen. Dieses codierte Signal moduliert dann viele Trägerwellen. Ein DAB+-Radio entschlüsselt die übertragenen Daten in hörbare Töne.
Die Umstellung von analogem auf digitales Radio ist noch nicht abgeschlossen: DAB+ sei nicht so störanfällig wie UKW, erklärt Klaus Schneider, Teamleiter beim NDR-Sender Steinkimmen. Deshalb kann es mit geringerer Leistung abgestrahlt werden und Lücken können mit Füllsendern geschlossen werden. Im Katastrophenfall sei UKW aber zur Zeit immer noch das System mit der höchsten Versorgungssicherheit. Viele Hörerinnen und Hörer würden auch noch ein klassisches Radio nutzen.
Das Fernsehprogramm wird digital über DVB-T2 HD gesendet. Dies sei ein vielfältiges Nischenprodukt, dessen Nutzung regional sehr stark schwanke, sagt Schneider. Bis zu 20 Prozent der Zuschauerinnen und Zuschauer würden in dieser Region DVB-T2 nutzen, wenn sie den inzwischen nötigen Digitalreceiver oder einen neueren Fernseher besitzen. Der Rest empfange das Fernsehprogramm über Satellit (DVB-S), Kabel (DVB-C) oder über den Internetanschluss. Doch gerade Camper und Segler nutzen DVB-T2. Auf einem Boot nützt die Satellitenschüssel eben nicht viel.
Warum musste der alte Antennenträger ausgetauscht werden ?
„Sendeantennen sind dem Wetter ausgesetzt und müssen nach 20 bis 30 Jahren erneuert werden“, erzählt Klaus Schneider, Teamleiter des NDR-Senders Steinkimmen. Im Zuge dessen sprachen statische Gründe dafür, auch den Antennenträger auszutauschen. Steinkimmen habe sich zur Inbetriebnahme 1956 noch in einer geringeren Windlastzone befunden als heute, erklärt Schneider.
Der Rohrmast bot dem Wind im Vergleich zum neuen Gittermast wesentlich mehr Angriffsfläche. Wie der alte steht dieser auf einem Punktkipplager: Eine Art Halbkugel, der dem Mast bei starken Wind leichten Bewegungsspielraum bietet. Um die Radio- und Fernsehprogramme auf analogem und digitalem Wege in verschiedene Richtungen abstrahlen zu können, hält das Tragwerk neben einem vertikalen Glasfaserzylinder mit integrierter Antennenanlage weitere Gitter- bzw. Flächenantennen.
Was passiert bei einem Störungsfall in der Sendestation ?
Der Sender verfügt über zwei Netzersatzanlagen, die einspringen, wenn die Energieversorgung ausfallen sollte. Zum Test wechsele der Betrieb regelmäßig auf die Netzersatzerlagen und auch der 55-minütige Stromausfall in Ganderkesee am 17. Januar sei in Steinkimmen nicht direkt zu merken gewesen, erzählt Schneider.
Von einem wirklichen Ausfall der Sendeanlage wäre der Großraum Oldenburg und Bremen betroffen. Dies ist allerdings weitestgehend ausgeschlossen, da jedes Sendesystem mit einem Reservesystem ausgestattet ist, versichert Schneider.
Wie wird das Radioprogramm übertragen ?
Der klassische Radiofunk mittels Ultrakurzwelle (UKW) wird in einem Frequenzbereich zwischen 87,5 und 108,0 MHz gesendet. Im Technikraum erklärt Schneider, dass es Unterschiede gibt, mit welcher Leistung und auf welcher Frequenz die öffentlich-rechtlichen Radioprogramme senden. NDR 1 und 2 konnten 1956 auf sehr leistungsstarke Frequenzen zurückgreifen. Als N-JOY Mitte der 1990er startete, waren viele Sendeplätze belegt und es standen nur noch Frequenzen mit kleiner Leistung zur Verfügung. Kleinere Sendestationen füllen daher die Übertragungslücken.
Ein Radiodatensystem (RDS) ermöglicht die Übertragung digitaler Zusatzdaten zum analogen Radiosignal. Es liefert beispielsweise den Titel des aktuell spielenden Songs an das Radiodisplay im Auto oder erhöht die Lautstärke bei einer Verkehrsmeldung. Auch Leistungsstörungen erkennt das System: Hierdurch können Autoradios automatisch die Frequenz wechseln, wenn der Empfang eines Senders schlechter wird.
Geht es noch hinauf auf den Sendemast ?
Zur technischen Abnahme steigt Schneider selbst noch manchmal auf den Antennenträger, ansonsten übernehmen externe Firmen die Wartungsarbeiten. Das alte Tragwerk hatte noch einen Aufzug, der bis auf 265 Meter hochfahren konnte. Das neue muss komplett über eine Leiter bezwungen werden. Die Häufigkeit der Besteigung nehme aber ab, sagt Schneider. Die Technik habe sich verbessert, früher wurden beispielsweise die Orientierungslichter für den Flugverkehr noch mit Glühlampen bestückt, die heutigen LEDs seien beinahe wartungsfrei.
Lässt sich der neue Antennenträger besichtigen ?
Große Touren wie beim Tag der offenen Tür 2006 bietet der NDR nicht mehr an. Der Sendemast draußen sei aber bis wenige Meter frei erreichbar und locke zusammen mit dem restlichen Fuß des alten Tragwerks regelmäßig Besucherinnen und Besucher an, erzählt Schneider. Dass dieser als Denkmal stehen bleibe, sei auch Voraussetzung für den Bau des neuen Antennenträgers gewesen.
