Wildeshausen - Wer sich für eine Branche interessiert, kann mithilfe eines Minijobs hineinschnuppern: Dieser Auffassung ist Patrick Derylak. Der 32-Jährige aus Twistringen ist jetzt selbst mit gutem Beispiel vorangegangen. Bei der Fleisch und Wurst Werkstatt Andreas Tonn in Wildeshausen hat er eine Umschulung zum Fleischer absolviert – mit einer 1,0 auf dem Zeugnis.
Ausbildung verkürzt
Durch diese sogenannte Anpassungsqualifizierung der Agentur für Arbeit wird die reguläre Ausbildungszeit um ein Drittel gekürzt. In Derylaks Fall wären das zwei Jahre gewesen. „Zweidrittel der Zeit – da ist man eigentlich froh, wenn man es dann trotzdem schafft“, sagt Willi Hildebrandt von der Agentur für Arbeit. Umso beeindruckter zeigt er sich von Derylaks Leistung: Aufgrund seiner guten Noten konnte er – mit Zustimmung der Handwerkskammer – seine Ausbildung nochmal um sechs Monate verkürzen. Am 27. Januar fand die Abschlussprüfung statt.
Zweimal hatte er eine Ausbildung zum KfZ-Mechaniker begonnen und wieder abgebrochen. Danach ging es für den gebürtigen Cuxhavener in die Landwirtschaft: erst als Helfer, dann als Berater und Betriebsleiter. „Als Landwirt sieht man nur, wie das Schwein auf den Lkw geladen wird“, begründet er seine Entscheidung, nach zehn Jahren in einen neuen Beruf zu schnuppern: Fleischer. Er half im Hofladen Pleus in Prinzhöfte aus, fragte, in welchen Betrieb er hineinschauen könnte: Man empfahl ihm die Fleisch- und Wurst-Werkstatt Tonn.
Beginn als Helfer
Seine freien Montage nutzte er, um in dem Betrieb vorbeizuschauen, nahm einen Minijob an, stieg dann als Helfer ein. „Ich habe gemerkt, wie vielfältig der Beruf ist. Und ein Plan ist wichtig: dass von allem etwas da ist – und nicht zu viel.“ Das kann sein Chef Andreas Tonn bestätigen: Vom Partyservice bis zum Grill gebe es ein breites Spektrum in dem Beruf. „Wir machen zu fast 100 Prozent alles selbst“, betont Tonn. Er hole das Vieh sonntags selbst ab. Wenn ein Tier am Montag ankomme, liege es am Dienstagmorgen verarbeitet auf dem Verkaufstresen.
„Ich brenne für meinen Beruf, es macht Spaß. Aber der Spaß geht flöten, wenn hier bald niemand mehr steht“, sagt Tonn. Will heißen: Auch er merkt, dass die Azubis fehlen. Sein Betrieb bildet Fleischereifachverkäufer/innen und Fleischer/innen aus, auch Praktika sind vorab möglich.
Patrick Derylak hatte am 1. August 2020 seine Ausbildung begonnen, für den Berufsschulunterricht fuhr er nach Oldenburg. Er erhielt weiterhin sein Helfer-Gehalt. Für Willi Hildebrandt logisch: In dem Alter habe man in der Regel eine Wohnung, habe sich etwas aufgebaut: „Da kommt man mit einem Lehrlingsgehalt nicht hin.“
Die Unterrichtsinhalte reichten vom Fleischzuschnitt bis hin zu biochemischen Prozessen, „was mich selbst am meisten interessiert hat“, sagt Patrick Derylak. Praktischen Unterricht habe es jedoch nicht gegeben, bedauert er. Seine Mitschüler kamen unter anderem aus Edewecht, Brake, Elsfleth, erzählt Derylak.
„Großes Kino“
Dann folgten die Prüfungen: erst die theoretische, dann die praktische in der Fleisch und Wurst Werkstatt Andreas Tonn. „Ganz großes Kino“, lobt Andreas Tonn. Eine Grillplatte musste unter anderem zubereitet, eine Wurst verarbeitet und ein Schwein geschlachtet werden. Bei Letztgenanntem werde zum Beispiel auf Hygiene geachtet, auf den Tierschutz und darauf, „nichts kaputt zu machen“, erklärt Patrick Derylak. Der Betrieb Tonn, der seit 1956 besteht, hat den Einser-Absolventen anschließend übernommen. Der 32-Jährige ist sich sicher, seinen Traumberuf gefunden zu haben und meint: Die Möglichkeit, mithilfe der Agentur für Arbeit als Quereinsteiger einen Neustart im Berufsleben anzugehen, sollte mehr beworben werden. Damit dem Fachkräftemangel entgegengewirkt wird – und noch mehr Quereinsteiger ihren Traumberuf finden.
Katharina Schmauder, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven, empfiehlt daher Interessenten, ein Beratungsgespräch zu nutzen.
