Harpstedt - Fast 72 Jahre alt ist der Führerschein von Hermann Bokelmann: Ausgestellt wurde er am 16. Mai 1950 vom Landkreis Grafschaft Hoya in Syke. Ein Foto davon schickte der 92-Jährige, der von 1991 bis 2001 der letzte ehrenamtliche Landrat im Landkreis Oldenburg war, nach einem Aufruf unserer Redaktion zu.
Bokelmann erinnert sich gut an seine anfänglichen Fahrversuche: „1950 erwarb ich ein Kleinkraftrad mit einem 98 ccm Fichtel- und Sachs-Motor, ein Zweitakter mit Zweigangschalthebel am Tank. Für den erforderlichen Führerschein Klasse IV machte ich ,Prüfung’ in der Polizeistation Harpstedt. Der Wachtmeister fragte nur Vorschriften der Straßenverkehrsordnung ab, am wichtigsten war § 1 StVO Grundregel.“
14 Tage zusätzlich
Als in den Jahren 1955/56 sein Arbeitgeber für das Postamt Harpstedt einen Lloyd-Lieferwagen für die Paketzustellung und die Bedienung der Poststellen Dünsen, Groß Ippener und Prinzhöfte anschaffte, sei er als Fahrer mit vorgesehen worden, berichtet Bokelmann. In der Fahrschule von Fritz Dissen Senior habe er Unterricht und wenige Fahrstunden erhalten. Obwohl es damals erst wenig Verkehr gegeben habe, habe er auf den Straßen der ehemaligen Munitionsanstalt Dünsen geübt, wo es kaum Gegenverkehr gab.
Zum „Anfahren am Berg“ mit Nutzung der Handbremse wurde zuerst die Auffahrt zur Viehrampe am Bahnhof Harpstedt genutzt, später auch die leichte Steigung der Kirchstraße in Bassum, erinnert sich Bokelmann. Nach bestandener Prüfung trug die Kreisverwaltung im März 1956 die Klasse 3 ein.
„Das genügte aber dem Fahrlehrer der Oberpostdirektion (OPD) nicht, nach kurzer Überprüfungsfahrt ordnete er 14 Tage Fahrschule in Bremen an“, weiß der 92-Jährige noch zu berichten. Der Fahrlehrer habe je zwei Fahrschüler für Pkw und für Motorrad geschult, der zweite Pkw-Schüler habe jedoch nach zwei Tagen aufgegeben. Während des Unterrichts hätten sie mit einem Opel-Blitz-Lieferwagen einiges von der OPD zu den Postämtern Wildeshausen und Oldenburg transportiert.
„Unser Fahrlehrer war kein pedantischer Beamter, sondern oft humorvoll. Als wir auf der Fahrt nach Hoya in einen Regenschauer gerieten, sagte er: ,Jungs, seid froh, dass der alte Adam Opel den Wagen von innen hohl baute, stellt euch vor, wir säßen jetzt im Regen.’“ Nach dieser zusätzlichen Fahrschule sei er ein sicherer Autofahrer gewesen.
Über die Kreuzung
„Dass ich schon 1945 mit 16 Jahren ohne Führerschein Bulldog fuhr, habe ich nicht verraten“, ergänzt Bokelmann. „Im Nachkriegsjahr haben die Besatzungstruppen das auch nicht kontrolliert.“
Die Tücke des Bulldog habe er in Bassum erlebt: „Da die Russen im Lager vor der Muna Dünsen zur Beschaffung von Verpflegung die jungen Rinder auf der nahen Weide abschlachteten, wollte Bauer Andreas sein Jungvieh zum Hof seiner Verlobten nach Apelstedt bringen. Mit dem vollbeladenen Wagen schickte er mich los.“
Auf der Hauptkreuzung in Bassum habe ein englischer Militärpolizist den Verkehr geregelt. Bokelmann habe den Bulldog plötzlich stoppen müssen, sodass der Einkolben-Motor rückwärts lief – im Rückwärtsgang habe er die Kreuzung geschafft.
