Ganderkesee - Als Carsten Sauerwein 2014 die Aufgabe des Wolfsberaters im Landkreis Oldenburg übernahm, ging er von einem eher ruhigen Ehrenamt aus: „Es gab ein paar Wölfe in der Lüneburger Heide und in Lüchow-Dannenberg", erzählte er am Montagabend in der Mensa am Steinacker, „aber nicht in der Wildeshauser Geest.“ So schnell wird er hier nicht kommen, habe er gedacht, erinnerte sich Sauerwein. Er wurde eines Besseren belehrt, wie so viele Experten und auch Politiker, die jetzt vor der Frage stehen, wie mit der rasanten Populationsdynamik des hier einst ausgerotteten Raubtiers umzugehen ist. Das interessierte am Montagabend auch rund 60 Gäste bei einem Informationsabend der Gemeinde Ganderkesee, der auf Initiative der örtlichen CDU zustande gekommen war.

Wie hat sich die Wolfspopulation entwickelt?

Laut Sauerwein gab es 2015 in Niedersachsen sieben Rudel und ein Wolfspaar sowie zwei Einzeltiere. Drei Jahre später wurden bereits 22 Rudel und zwei Paare sowie ein einzelner Wolf gezählt. Und in diesem Jahr, 2020, sind es schon 35 Rudel und zwei Paare. Ein Rudel besteht aus acht bis zehn Tieren, so dass mittlerweile von landesweit mehr als 300 Wölfen ausgegangen wird.

Wie erklärt sich die Dynamik des Wachstums?

Das fragen sich sogar die Experten: „Die Geschwindigkeit, mit der der Wolf sich verbreitet, überrascht alle“, gab Sauerwein zu. Ein Grund ist das Nahrungsangebot: „Der Wolf findet hier einen reich gedeckten Tisch“, sagte der Berater. Ein Rudel besteht in der Regel aus Rüde, Fähe und den Welpen, die nach gut einem Jahr auf Wanderschaft gehen und sich neue Territorien erschließen. „Dort, wo schon ein Rudel ist, bildet sich kein zweites oder drittes“, so Sauerwein. Beobachtet werde aber, dass die Territorien offenbar kleiner werden: Brauchte ein Rudel früher rund 200 km² für sich, sei es jetzt auch schon mit 100 km² oder weniger zufrieden. Sauerwein: „Die Größe des Territoriums hängt stark vom Nahrungsangebot ab.“ Derzeit gebe es 37 Wolfsterritorien in Niedersachsen.

Gibt es bereits Rudel im Landkreis Oldenburg?

Dafür gibt es noch keine klaren Beweise. „Spektakulär“, so Sauerwein, seien der Fall eines überfahrenen Wolfes bei Bookholzberg im September 2019 und die Risse mehrerer Schafe in der Sannauer Helmer im März dieses Jahres gewesen. In beiden Fällen habe es sich aber offenbar um Durchzügler gehandelt, in der Sannauer Helmer möglicherweise auch um ein Jungtier, das ein Territorium sucht. Gesichert sei jedenfalls, dass im Bereich zwischen Schönemoor und Berne ein Wolf unterwegs ist.

Wo wurden hier Wolfssichtungen gemeldet?

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Viele Sichtungen hat es laut Sauerwein zunächst im Bereich Harpstedt gegeben, dabei könne es sich aber auch um Tiere aus Rudeln im Kreis Diepholz gehandelt haben. In diesem Jahr kamen die meisten Meldungen – bisher zwölf – aus dem Hasbruch und dessen Umgebung. „Leider gibt es immer wieder auch Falschmeldungen“, bedauerte Sauerwein. Es gebe im Landkreis Oldenburg viele Wolfshunde, die dem Wolf sehr ähnlich sehen. Dennoch sollte sich niemand scheuen, eine Wolfssichtung zu melden, auch wenn diese nicht gesichert erscheint.

Wie viele Wölfe verträgt das Land noch?

In dieser Frage gehen die Ansichten auseinander – vor allem zwischen Naturschützern und Landwirten oder Schäfern. Auch Wolfsberater Sauerwein wollte sich da nicht festlegen: „Das ist nicht unsere Aufgabe“, sagte er, „das ist eine politische Entscheidung.“

Hier bitte melden

Vier Wolfsberater stehen im Landkreis Oldenburg als Ansprechpartner zur Verfügung: Neben Carsten Sauerwein ( t   0157 36 62 13 96) sind dies Gerhard Frensel ( t 0173 675 80 17), Michael Reich ( t   0151 40 02 19 46) und Jürgen Voigt ( t   0171 125 80 42). Wolfssichtungen können auch online gemeldet werden:

Hergen Schelling
Hergen Schelling Redaktion für den Landkreis Oldenburg (Leitung)