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Schnack am Wochenende Warum sich der schwierige Weg für Dragica Smiljanic gelohnt hat

Dirk Wieting

Ganderkesee - Bei unserem Gespräch meinte Dragica Smiljanic (67): „Vielleicht schreibe ich einmal ein Buch über mein Leben.“ Dieses Buch würde sicherlich eine spannende und sehr beeindruckende Autobiografie.

Die Wurzeln von Dragica Smiljanic liegen in Bosnien und Herzegowina im ehemaligen Jugoslawien. Über ihre Eltern spricht sie nicht. Aufgewachsen ist sie bei ihren Großeltern, die einen großen Bauernhof hatten. Schon in jungen Jahren musste Dragica mithelfen, sei es auf dem Feld bei der Ernte oder bei ihrer Großmutter im Haushalt.

Umzug nach Deutschland

Dragica erinnert sich gern an ihre Kindheit, besonders die Berge in ihrer Heimat hatten es ihr angetan. Liebend gern kletterte sie auf Bäume. Mit ihrem Großvater und einem Esel zog sie oft in die Berge und holte das begehrte Kienholz oben von den Nadelbäumen herunter. Ihr Großvater hatte auf dem Bauernhof eine Holzwerkstatt. „Ich habe mit ihm zusammen viele Tischlerarbeiten gemacht. Davon profitiere ich heute noch.“

Dragica war nicht nur schnell auf den Bäumen, sondern auch die Schnellste beim 100- und 200-Meter-Lauf. Mit ihrer Schnelligkeit war sie auch eine sehr gute Handballspielerin. Nicht nur am Sport hatte sie viel Spaß, auch die Schule hat sie in guter Erinnerung. Sie machte ihr Abitur, um anschließend Soziologie zu studieren. Ihr jüngerer Bruder lebte in Deutschland und war zu Besuch in der Heimat. „Du kannst auch in Deutschland studieren“, meinte er zu seiner Schwester. An Schlaf war für Dragica in dieser Nacht nicht zu denken. Sie dachte über das Angebot nach. Am nächsten Morgen stand ihre Entscheidung fest: „Ich komme mit.“ Das war der 1. September 1973, diesen Tag wird sie nie vergessen.

In Göttingen angekommen, kamen erste Zweifel. In Deutschland war doch einiges anders als bei ihren Großeltern in Bosnien. In Abendkursen lernte sie Deutsch. Am Tag musste sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Im Imbiss einer Schwimmhalle bekam sie einen Job als Küchenhilfe. Nachdem sich ein Gast beschwert hatte, weil sie Zimt und Zucker zum Milchreis vergessen hatte, war sie ihren Job los.

Weil ihr Abitur in Deutschland nicht anerkannt war, machte sie noch einmal ihr Abitur in Hamburg. Es folgte nicht nur das geplante Studium der Soziologie, sondern auch Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und Neuere Deutsche Literatur. Während dieser Zeit gab es mehrmals Situationen, in denen sie sich unter Tränen fest vornahm: „Morgen fahre ich nach Jugoslawien zurück.“ Dragica erzählt: „Ich war eher ein stilles Mädchen und in Arbeitsgruppen zum Beispiel ließ man mich links liegen. Keiner fragte mich etwas.“ Aber aufgeben wollte sie auch nicht.

Große Unterstützung fand sie bei ihrer besten Freundin Brigitte. Bei einem Familientreffen lernte sie Brigittes Onkel Werner aus Ganderkesee kennen und verliebte sich in ihn. Mit der Hochzeit 1984 war das private Glück perfekt.

Beruflich lief es nicht so gut. Als Diplom-Soziologin fand sie keine Anstellung. Einmal sogar mit der Begründung: „Ausländer wollen wir nicht.“ So war sie einige Jahre Hausfrau und Mutter und kümmerte sich um die beiden Söhne Jan-Philipp (36) und Jonas. Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr. Nach sieben Jahren scheiterte ihre Ehe und 1999, nur einen Tag vor seinem 12. Geburtstag, verunglückte ihr Sohn Jonas tödlich. „Ich musste lernen, dass man viele Sachen nicht ändern kann, obwohl man es gerne möchte“, sagt Dragica leise.

Seit 1991 arbeitete sie auf dem Gebiet der Flüchtlingsbetreuung, zum Beispiel beim Diakonischen Werk Oldenburg in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber. Von 1995 bis zum Eintritt in die Rente vor zwei Jahren war Dragica Flüchtlingsbeauftragte der Gemeinde Ganderkesee. „Ich habe diese Arbeit geliebt und gerade nach dem Tod meines Sohnes haben meine Kollegen und meine Arbeit mir sehr geholfen.“

Als in ihrer Heimat der Bosnienkrieg tobte, sammelte sie Hilfsgüter und brachte diese persönlich nach Bosnien. Dass sie sich dadurch in große Gefahr begeben hat, war ihr nicht wichtig. Hauptsache, sie konnte anderen Menschen helfen.

Buch herausgebracht

Auch als Rentnerin ist sie aktiv und gibt bei der VHS Delmenhorst Deutschkurse. Zusammen mit Astrid Fuchs brachte sie vergangenes Jahr das Buch „Mit.Menschen.Leben“ heraus, über Erlebnisse von Geflüchteten, die in den vergangenen 70 Jahren in der Gemeinde Ganderkesee gelandet sind.

Rückblickend ist Dragica Smiljanic froh, dass sie nach Deutschland gekommen ist: „Mein Weg war kein leichter, aber es hat sich gelohnt“ – und schon hätten wir auch einen Titel für ihre Autobiografie.

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