Ganderkesee - Passiert ist noch nichts, die Gefahr eines Wolfsrisses beschäftigt Landwirt Cord Schütte trotzdem. „Die Population der Wölfe geht nach oben, von 2018 auf 2019 hatten wir 65 Prozent Zuwachs“, sagt er. Damit steige auch die Gefahr von Rissen. In Ganderkesee hatte zuletzt im März ein Wolf an der Sannauer Hellmer Schafe gerissen, ein neuer Fall ist für Schütte nur eine Frage der Zeit.
Sind die Zäune hoch genug?
Das Problem aus Sicht des Landwirts: Der sogenannte wolfssichere Grundschutz, den das Land Niedersachsen von Tierhaltern fordert, damit im Schadensfall eine Ausgleichszahlung erfolgt, ist aufwendig und teuer: „Es braucht spezielle Zäune, und das kostet Tausende Euros bei mehreren Flächen, von der benötigten Zeit gar nicht zu reden.“ Vorgeschrieben ist dabei eine Mindesthöhe von 90 Zentimetern – für Schütte zu wenig. „Das ist geradezu lächerlich, da springt ein Wolf doch drüber“, findet er.
Das bestätigt Wolfsberater Carsten Sauerwein, der im Landkreis Oldenburg auch für Ganderkesee zuständig ist. „Wir gehen in der Beratung dazu über, Höhen von 1,10 Metern zu empfehlen“, sagt er. Grund dafür sei, dass die Region stellenweise sehr uneben ist und dem Wolf Sprungmöglichkeiten bieten kann.
Landschaftspflege ist eine Herausforderung
Eine weitere Herausforderung mit den stromführenden Zäunen des Grundschutzes ist das Pflanzenwachstum, wie Sauerwein erklärt. „Die unterste Litze soll 20 Zentimeter über dem Boden liegen, damit der Wolf nicht durchkriechen kann.“ Auf Weideflächen würden Gräser aber so schnell wachsen, dass diese Litze oft Kontakt zur Erde bekommt und die Stromleistung nachlässt – im Falle einer Prüfung ein mögliches Problem.
Cord Schütte sieht noch eine Schwierigkeit: „Ich habe einige Flächen auf Moorboden, wo Gräben regelmäßig gelotet werden müssen. Wie soll das gehen mit einem festen Zaun davor?“ Diese würden zudem die Idee von Korridoren für Wildtiere zunichte machen. „Da scheint sich außer uns Landwirten noch niemand Gedanken drüber gemacht zu haben“, kritisiert er.
Genehmigung für Grundschutzmaßnahmen dauert zu lang
In Niedersachsen gibt es im Fall eines Wolfsrisses für Tierhalter keinen rechtlichen Anspruch auf Schadensersatz. Das Land gewährt stattdessen eine sogenannte Billigkeitsleistung, die rein freiwillig ist und durch die Genehmigungsbehörde entschieden wird (seit 1. Januar 2020 ist das die Landwirtschaftskammer).
Im Schadensfall ist in Niedersachsen für eine Billigkeitsleistung zudem zwingend ein genetischer Nachweis erforderlich, dass es sich wirklich um einen Wolf handelt. Diese werden bundesweit allein vom Senckenberg-Institut in Gelnhausen (Hessen) bearbeitet, was rund drei Monate dauert.
Tatsächlich fördert das Land Niedersachsen mittlerweile viele Grundschutzmaßnahmen, wie Sauerwein bestätigt. „Neuerdings können diese bis zu 100 Prozent gefördert werden.“ Auch Rinder, die im Falle eines Risses sonst hinter Schafen zurückstehen, würden bezahlt. „In einem Radius von 30 Kilometern um einen bestätigten Riss gibt es dann eine Förderkulisse für Rinderhalter“, so der Wolfsberater.
Kritik übt er aber an der Dauer der Genehmigungsverfahren. „Das dauert viel zu lange. Wenn sich Leute für den Grundschutz interessieren und Förderung beantragen, kann das mehr als ein Jahr dauern, das ist einfach ärgerlich.“ Bis dahin könne längst ein Schaden entstanden sein.
Das Thema Wolf spaltet
Für Cord Schütte ist klar: „Meine Tiere dauerhaft im Stall zu lassen, wäre einfacher. Aber für mich gehört auch dazu, dass die raus in die Natur können.“ Grundsätzlich habe er keine Abneigung gegen den Wolf: „Wo es große Wälder gibt, wäre ich der letzte, der was sagen würde.“ In der Kulturlandschaft des Nordwestens sei es aber nicht leistbar, Wolfsrudel frei laufen zu lassen. „Und ein Mittelmaß zwischen Gegnern und Befürwortern des Wolfs scheint nicht möglich zu sein“, beklagt Schütte. Bestätigung erfährt er auch hier von Carsten Sauerwein. „Nichts polarisiert so wie der Wolf. Wir Berater müssen daher Vermittler zwischen allen Parteien sein.“
