Ganderkesee - Valery, Cilena und Glorietta brauchen Zuwendung, soll ihr Anbau auf dem „Bienenglück“-Acker von Landwirt Onno Osterloh gelingen. Was alles nötig ist, damit auf den 15-Quadratmetern-Parzellen bis Ende Juni jeweils bis zu 1800 einzelne Kartoffeln der drei Sorten zur Erntereife gelangen, haben die Teilnehmer eines Kartoffelanbau-Kurses am Samstag von Osterloh und dem Kartoffelbauern Ronald Bredendiek gelernt.
Osterlohs „Bienenglück“ in den Bürsteler Fuhren, im Sommer eine Blühwiese mit Insektenlehrpfad, soll 2020 nicht nur wieder zahllose Vogel- und Insektenarten anlocken, sondern diesmal verstärkt zum Ort der ökologischen und landwirtschaftlichen Bildung werden. Das berichtet das Team um Landwirt Osterloh, den Landschaftsökologen Dr. Klaus Handke und Imker Franz Winzinger.
Acker als Ort der Bildung
2019 waren dort mit Sponsorenhilfe auf mehr als 60 Parzellen Pflanzenzenarten sortenrein oder als Saatenmischungen gesät worden. Am Samstag brachte Jan Juister, landwirtschaftlicher Berater aus Hude, mit seiner Sämaschine gleich auf 180 Teilflächen Saatgut aus. Erfreulich: Auch auf knapp 60 Parzellen des Vorjahres grünt es wieder. „Wir wollen herausfinden, welche Pflanzen am Standort am besten gedeihen, wie die Nahrungsversorgung der Vogel- und Insektenwelt über einen möglichst langen Zeitraum ermöglicht werden kann – und welches Saatgut am Ende am besten geeignet ist“, berichtete Dr. Klaus Handke. Feldversuche vor Ort würden immer wichtiger. „Wir können uns wegen des Klimawandels nicht mehr auf altes Wissen aus Literatur oder Überlieferung stützen. Hier ändert sich gerade viel“, sagte er. Das in seiner Größe herausragende Projekt ziehe auch auswärtige Experten an: „Wir haben schon Anmeldungen aus Schleswig-Holstein. Saatgutfirmen und Käferkundler sind interessiert“, verriet Handke.
Experten und Laien lernen
Wo selbst Experten noch dazulernen, kommen Laien erst recht ins Staunen. Etwa beim Kartoffelanbau, den Osterloh Interessierten jetzt ermöglicht, weil sich Menschen wegen der Corona-Krise wieder damit beschäftigen, Lebensmittelpflanzen selbst anzubauen. Bedingt durch die Krise hätten sich andererseits jedoch für die neue Saison des Bienenglück-Projekts nicht so viele Paten wie 2019 gefunden, bedauerte der Initiator.
Das kostenlose Angebot des Einstiges in den Kartoffelanbau nahmen am Samstag mehr als 20 Familien und Einzelpersonen an. Unter Anleitung von Bredendiek pflanzten sie die Sorten Valery, Cilena oder Glorietta. „Mit dieser Aktion vermitteln wir den Bürgern auch, wie mühsam ein solcher Anbau ist und was Landwirte alles tun müssen“, betonte Bredendiek. Das fange bei der Feldbearbeitung an und setze sich über den gesamten Wachstumszeitraum fort. Denn: „Wir arbeiten ohne Pflanzenschutzmittel.“ Deshalb müssten die Hobby-Bauern per Hand regelmäßig Käfer und Unkraut entfernen.
Einer, der dazu bereit ist, war Erster Gemeinderat Matthias Meyer mit seiner Familie. „Das ist nicht nur für die Kinder lehrreich“, beteuerte er. Daheim gebe es nur ein Hochbeet. Für seine Tochter Sophia (9) bot sich ein Abenteuer: „Kartoffelanbau haben wir in der Schule durchgenommen, jetzt kommt die Praxis. Ich freue mich schon, die Kartoffeln zu essen.“ „Wie werden wohl die rotschaligen Kartofflen schmecken“, fragte ihre Schwester Celina (12).
Mit dem Spaten in der Hand „ackerte“ der 68-jährige Herbert Greulich. „Ich habe schon eine Bienenglück-Patenschaft übernommen. Jetzt mache ich das hier, um es meinen Enkelinnen Matilda und Carlotta zu zeigen. So hat man in diesen Zeiten ein Stückchen Freiheit, einen Anlaufpunkt in der Natur“, erinnerte er an die für einen kurzen Moment fast vergessene Pandemie.
