Ganderkesee - Wohl jeder Autofahrer kennt die Furcht vor dem Moment, wenn ein Tier plötzlich aus dem Seitenraum der Straße vor die eigene Motorhaube huscht. Den Zahlen der Polizei zufolge passiert das immer öfter: 2019 gab es mit 947 Wildunfällen im Landkreis, davon 114 in Ganderkesee, die höchsten Zahlen seit zehn Jahren. Über die Gründe dafür gibt es keine Auskunft, die Wirksamkeit der Maßnahmen zur Unfallverhütung wird jedoch angezweifelt.

So viele Wildunfälle wurden registriert

Die Polizei verzeichnet immer mehr Unfälle mit Wild im Landkreis. 947 Mal krachte es 2019, 888 Mal im Jahr davor. 2017 wurden 855 Unfälle gemeldet, weniger als die 866 Fälle in 2016. Tiefstand der letzten zehn Jahre war 2015 mit 713 Wildunfällen.

In Ganderkesee ist der Trend ähnlich. 114 Wildunfälle in 2019 sind Spitzenreiter, 2018 waren es 112 und 110 in 2017. Im Jahr zuvor gab es 98 Fälle und nur 90 in 2015. Die wenigsten Wildunfälle der letzten zehn Jahre gab es 2011, wo es 87 Mal mit krachte.

„Es gibt Studien, die die langfristige Wirkung von Reflektoren infrage stellen“, sagte Ann-Christin Gaida von der Kreisstraßenverwaltung. Zu Beginn gebe es durchaus einen Effekt, weil die Umgebung des Wilds verändert wurde. „Aber wenn es eine Gewöhnung gibt, lässt die Wirkung nach“, so Gaida. Ein Schluss, den Forschungen bestätigen: So berichtete der Spiegel im Oktober 2018, dass Forscher aus Göttingen und von der Universität Zürich nach der Auswertung von 10 000 Stunden Videomaterial von Teststrecken keine Wirkung von Reflektoren feststellen konnten. Auch die Unfallforschung der Deutschen Versicherer sprach von Kosten, die „man sich sparen“ könne.

Ganz neu sind diese Stimmen nicht: 2011 hatte der Ganderkeseer Hegering 1000 der blauen Reflektoren im Gemeindegebiet angebracht, drei Jahre später war jedoch keine Verbesserung bemerkbar. Eine Beobachtung, die durch die Unfallstatistik bestätigt wird. Jan-Bernd Meyerholz, Leiter des Ganderkeseer Hegerings, zieht deshalb eine durchwachsene Bilanz: „Die Reflektoren werden sicher das eine oder andere Reh gerettet haben, zum erhofften Erfolg haben sie aber nicht überall geführt.“ Friedrich Hollmann, Kreisjägermeister im Landkreis Oldenburg, sieht die blauen Reflektoren – eine Farbe, die für Wild Signalwirkung hat – ebenfalls kritisch. „Reflektoren sind wissenschaftlich nicht anerkannt“, sagte er. Von Beginn an habe es sowohl Befürworter als auch Kritiker gegeben. Wie Ann-Christin Gaida erklärte, wurden beim Verkehrsamt des Landkreises zuletzt in 2016 Nutzungsverträge zur Installation von Reflektoren abgeschlossen.

Gar nicht mehr im Einsatz sind die Dreibeine, die früher an Wildunfall-Schwerpunkten im Seitenraum der Straße aufgestellt wurden. „Die sollten mittlerweile alle wieder eingesammelt sein“, so Hollmann, da das kreisweite Programm zur Aufstellung bereits vor vier Jahren ausgelaufen ist. Die Idee der Aktion, Autofahrer an Gefahrenpunkten zu sensibilisieren und den Verkehr zu entschleunigen, wurde ebenfalls durch einen Gewöhnungseffekt gemindert – diesmal aufseiten der Verkehrsteilnehmer. So konnte in Ganderkesee schon im Jahr 2014 kein nachhaltiger Effekt der rund 30 Dreibeine im Gemeindegebiet registriert werden. Andere Maßnahmen sind im Landkreis derzeit nicht geplant, wie Hollmann mitteilte. Immerhin: „Die Polizei misst verstärkt Geschwindigkeiten in der Nähe von ,Hotspots’“, sagte er, weil es eine Korrelation zwischen Geschwindigkeit und Unfallschwere gebe.

Jäger probieren trotzdem seit Jahren aber auch noch andere Maßnahmen aus. Bereits 2006 wurden in Steinloge Reflektoren mit zusätzlichen akustischen Signalen angebracht, wie der ehemalige Jagdpächter Kurt Martens erinnerte. „Die haben auch gute zwei Jahre Wirkung gezeigt, dann hat sich das Wild daran gewöhnt.“ Die sogenannten Pieper seien aber bis heute an mehreren Orten im Einsatz.

Der beste Weg zur Wildunfallvermeidung ist und bleibt vorsichtiges Fahren, da sind sich alle Jäger einig. „Es hilft, nicht immer die volle Geschwindigkeit zu fahren“, betonte auch Christel Zießler, Vorsitzende der Kreisverkehrswacht. „Man weiß als Autofahrer ja in der Regel, wo die gefährlichen Strecken sind. Dort sollte jeder achtsam sein.“

Arne Haschen
Arne Haschen Digitalteam Wesermarsch