Ganderkesee - Auf einigen Höfen existieren sie noch heute: Tischler-Küchen der Firma Sandkuhl, handgefertigt in den späten 40er- und frühen 50er-Jahren. Zu jener Zeit, als der kleine Handwerksbetrieb nach dem Zweiten Weltkrieg gerade wieder auf die Beine gekommen war. Auf den 19. November 1948 datiert die Neuanmeldung bei der Handwerkskammer durch Helmut Sandkuhl – die Ursprünge der heutigen „Ideentischlerei“ indes reichen noch viel weiter zurück: Bereits vor hundert Jahren hatte Landwirt Hermann Sandkuhl im Nebenerwerb den Grundstein gelegt.
An diesem Wochenende feiert die vierte Generation das 75-jährige Bestehen der Tischlerei, die der Enkel des Gründers und langjährige Inhaber, Hans-Herrmann Sandkuhl, 2013 an seinen einstigen Auszubildenden Carsten Wichmann übergeben hat. Letzterer hatte bereits 2006 die Geschäftsführung übernommen und war vier Jahre später zunächst anteiliger Gesellschafter geworden. Seit 2020 teilt sich Wichmann die Geschäftsführung mit Bastian Arndt.
Neue Materialien – gestiegener Anspruch
Begonnen hat die Tischlerei Sandkuhl einst als klassische Bautischlerei. Und auch heute seien der Bau von Fenstern, Türen, Treppen und der Trockenbau noch Teil des Geschäfts, erklärt Wichmann. „Was sich über die Jahrzehnte aber stark verändert hat, ist die Materialvielfalt.“ So werde längst nicht mehr ausschließlich mit Holz gearbeitet. Auch mit Mineralwerkstoffen, Kunststoffen, Gläsern und anderen Materialien müssten Tischler heute umzugehen wissen, so Wichmann. Das erfordere ein Vielfaches an Know-how. „Auch der Qualitätsanspruch ist gestiegen“, erklärt Bastian Arndt auf die Frage nach den gravierendsten Veränderungen.
Kulturveranstaltungen und Events gehören seit 2008 fest zum Jahresprogramm der Tischlerei Sandkuhl. Von Lesungen und Konzerten über Whisky-Tasting, Jazz- und Oldie-Frühschoppen bis hin zum Zeichen- und Fotoworkshop reicht das Spektrum dessen, was in den Hallen der Tischlerei bereits stattgefunden hat. Organisiert werden die Kulturveranstaltungen seit 2011 von Kirsten Wichmann, die bei Sandkuhl für das Marketing, den Verkauf und das Personal verantwortlich ist.
Stetig gewachsen sind seit der Premiere 2011 die jährlichen „Weihnachtswelten“: Was mit zwölf Ausstellern begann, ist heute ein Weihnachtsmarkt mit 40 Kunsthandwerkern und Händlern.
Fürs erste Adventswochenende bittet das Sandkuhl-Team das nächste Mal zu den „Weihnachtswelten“: Am Samstag, 2. Dezember, von 14 bis 19 Uhr, sowie am Sonntag, 3. Dezember, von 11 bis 17 Uhr ist der Indoor-Weihnachtsmarkt an der Dehlthuner Straße 55 in Ganderkesee geöffnet.
Angeboten wird Dekoratives, Köstliches und Nützliches: Von handgefertigtem Schmuck über Gewürze, Liköre, Pralinen, Königsberger Marzipan, Wurstwaren, Hackgrütze und andere Hofladen-Spezialitäten bis hin zu Seifen und Kerzen sowie Metall-Kunst und anderem Kunsthandwerk reicht das Spektrum. Stärken können sich Besucherinnen und Besucher unter anderem mit Kaffee und Kuchen sowie mit Glühwein und Glühbier. Wer möchte, kann sich kostenfrei ein Airbrush-Tattoo verpassen lassen.
Wichmann erinnert sich an die frühen 80er, als er seine Ausbildung im Betrieb begann. Damals sei Sandkuhl vor allem im Gaststätten-Innenausbau gefragt gewesen. Angeschlossen habe sich eine Zeit, in der der Betrieb eine Arztpraxis nach der anderen ausgestattet habe. „Als das Budget der Ärzte sank, sind wir verstärkt in den Yacht-Innenausbau eingestiegen“, berichtet Wichmann.
Auf Luxus-Yachten im Einsatz
Etwa 30 bis 40 Prozent seines Umsatzes macht das Unternehmen heute mit den Arbeiten an den Luxus-Schiffen, die zumeist in den Werften im Umland liegen. Aber mitunter müssen Sandkuhl-Mitarbeiter für Reparaturen auch ins Ausland reisen. 36 Mitarbeiter zählt der Betrieb heute, viele davon haben ihr Handwerk im eigenen Haus gelernt – wie etwa Ralf Tönjes, der seine Ausbildung vor gut 40 Jahren zusammen mit Carsten Wichmann absolvierte. Sieben Auszubildende lernen das Tischlerhandwerk aktuell bei Sandkuhl.
Entwickeln den Betrieb stetig weiter: Carsten Wichmann, seit 2013 alleiniger Inhaber der Tischlerei Sandkuhl, und Ehefrau Kirsten Wichmann.
Sandkuhl
Seit 2020 zusammen mit Carsten Wichmann Geschäftsführer der Tischlerei Sandkuhl: Bastian Arndt.
Sandkuhl
Im Ausstellungsgebäude können sich Kunden einen Eindruck von individuell gestalteter Innenausstattung verschaffen.
Sandkuhl
Ein Lohnbuch aus den Anfangsjahren der Tischlerei Sandkuhl existiert noch immer.
Sandkuhl
Die Arbeitsplätze der Anfangsjahre sind im Laufe der Zeit modernsten Maschinen gewichen.
Archiv Sandkuhl
Wo früher viele Arbeitsschritte noch von Hand erledigt werden mussten, stehen heute modernste Maschinen.
Archiv SandkuhlMit den Herausforderungen ist auch der Betrieb an der Dehlthuner Straße 55 immer wieder gewachsen: Zu den Meilensteinen zählen der Bau einer 800 Quadratmeter großen Lager- und Produktionshalle mit Sozialräumen im Jahr 1988, der Bau des markanten Späne-Bunkers mit neuer Heizungs- und Absauganlage 1992, der Anbau des Bürogebäudes 1998 und der An- und Ausbau der Ausstellung 2004 und deren Erweiterung auf 350 Quadratmeter im Jahr 2011. In ein erstes CNC-Bearbeitungszentrum investierte das Unternehmen 1997, in diesem Jahr wurde ein weiteres Fünf-Achs-CNC-Bearbeitungszentrum in Betrieb genommen.
Die Tischlerei Sandkuhl arbeitet heute nahezu energieautark: So werden die Holzabfälle aus dem Spänebunker zur Beheizung der Gebäude verwendet und Strom liefert eine Photovoltaikanlage.
Nie die Bodenhaftung verloren
Bei aller Innovationskraft: In der Tischlerei Sandkuhl können Kunden auch heute noch wackelnde Stuhlbeine reparieren lassen, ein spezielles Scharnier für einen Schrank erwerben oder sich einen Einbauschrank für eine problematische Nische im Haus anfertigen lassen.
„Die Regionalität macht uns aus“, sagt Geschäftsführer Arndt. Und Carsten Wichmann ergänzt: „Wir wollen den Eindruck vermeiden, dass wir in bestimmten Schubladen stecken und Dinge ausklammern.“
Keine Überraschung, dass auch das Betriebsjubiläum bodenständig begangen wird: Eine Jubiläumskanutour hat das Team bereits gemeinsam unternommen, und für dieses Wochenende sind alle Mitarbeiter und ihre Familien von der Geschäftsführung zu einem gemeinsamen Essen eingeladen.
