Wildeshausen - Kurz vor dem Abschluss befindet sich der Prozess der Konversion in der Diakonie Himmelsthür: Seit 2009 sind immer mehr Menschen mit Behinderung vom Zentralgelände an der Dr.-Klingenberg-Straße in kleine Hausgemeinschaften und Wohngruppen umgezogen – unter anderem in die damals neu gebauten Reihenhäuser an der Harpstedter Straße 35. Dort feierten am Freitag 24 Bewohnerinnen und Bewohner mit den Beschäftigten und Gästen das zehnjährige Bestehen ihrer Hausgemeinschaft – mit ein bisschen Verspätung, denn das eigentliche Jubiläum im vergangenen Jahr wurde wegen der Pandemie verschoben.
„Besonderes Haus“
„Dies war für uns immer ein besonderes Haus“, sagte Jörg Arendt-Uhde, Regionalgeschäftsführer der Diakonie Himmelsthür. Die Bauphase in den Jahren 2011 und 2012 sei herausfordernd gewesen, gewisse „Sorgen in der Nachbarschaft“ hätten zunächst ausgeräumt werden müssen und für die Bewohner sei der Wechsel von der geregelten Rund-um-Versorgung zum selbstständigen Handeln zunächst ungewohnt gewesen. „Aber gemeinsam haben wir festgestellt, dass es funktioniert“, so Ahrendt-Uhde.
Die Konversion in der Diakonie Himmelsthür in Wildeshausen ist ein 2009 angeschobener Prozess, der die Inklusion befördern und die Aufenthaltsqualität verbessern soll. Nach und nach verlassen die Bewohnerinnen und Bewohner die teilweise mehr als 100 Jahre alten Heimgebäude auf dem Zentralgelände und ziehen in neu erbaute oder frisch sanierte Wohnhäuser in der Region ein.
Mehrere davon befinden sich in Wildeshausen, aber auch in benachbarten Kommunen und Kreisen, unter anderem in Hude, Delmenhorst, Goldenstedt, Kirchweyhe oder Syke. 19 dezentrale Wohngruppen und -gemeinschaften sind so mittlerweile entstanden.
Der Betreuungs- und Versorgungsaufwand ist unterschiedlich. Auf dem Himmelsthür-Gelände in Wildeshausen verbleiben am Ende noch rund 40 Bewohnerinnen und Bewohner im vergleichsweise modernen Haus Herzogin Elisabeth.
Jeweils zu sechst leben Menschen mit Behinderung in den vier Wohnungen an der Harpstedter Straße zusammen. „Unser Ziel ist es, die Leute so selbstständig wie möglich zu machen“, erklärte Hausleiterin Lea Reinhold. Wenn das gelinge, könnten sie den nächsten Schritt der Inklusion gehen und in das ambulant betreute Wohnen überwechseln.
Betreuung noch stationär
An der Harpstedter Straße findet die Betreuung noch stationär statt: Beschäftigte der Himmelsthür assistieren bei den täglichen Verrichtungen, nachts bleibt eine Bereitschaft vor Ort. Tagsüber sind die Bewohnerinnen und Bewohner im Alter zwischen 28 und 67 Jahren in der Regel an ihren Arbeitsstellen. Am Wochenende organisieren sie gemeinsam ihre Freizeitaktivitäten, unternehmen zum Beispiel Ausflüge oder kochen zusammen. „Sie entscheiden selber, wie ihr Tag abläuft“, beschrieb Lea Reinhold.
Auch Einkäufe erledigen viele Bewohnerinnen und Bewohner in eigener Initiative. Märkte sind nicht weit entfernt. Ohnehin sei die Lage des Hauses topp, freute sich Reinhold. „Wir sind hier mittendrin!“ Auch zur Innenstadt ist es nicht weit.
„Mitten unter uns“
Die Hausgemeinschaft sei beispielhaft dafür, wie die Forderung nach Inklusion Wirklichkeit werden könne, betonte Wildeshausens stellvertretender Bürgermeister Wolfgang Däubler, der im Namen der Stadt gratulierte und „Respekt für das Geleistete“ äußerte.
Aus seiner eigenen Erfahrung als Betreuer eines jungen Menschen mit Behinderung habe er das neue Wohnkonzept mit dem hohen Grad an Selbstständigkeit zunächst skeptisch gesehen, räumte Däubler ein. „Aber es war richtig und notwendig, die vorhandenen Strukturen aufzubrechen“ – auch mit Blick auf die abgelegene Lage der Himmelsthür-Zentraleinrichtung am Stadtrand. An der Harpstedter Straße, so Däubler, leben die Menschen mit Behinderung „nicht abseits im Wald, sondern mitten unter uns.“ Begonnen hatte die Feierstunde mit einer Andacht, in der Pastorin Dörte Hartung und Himmelsthür-Vorstand Florian Moitje die Entwicklung des Hauses würdigten und wichtige „Bausteine“ wie Mut, Freiheit und Miteinander beschrieben.
