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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg

Paludikultur im Landkreis Oldenburg: So könnte das Hohenbökener Moor als Baustofflieferant dienen

25.06.2022

Hohenböken /Oldenburg Die Goldammer schmettert ihr „Wie hab ich Dich lieb“, zwei Weißstörche überfliegen das Hohenbökener Moor, ein Mäusebussard steht in der Luft – sengende Hitze hat sich über die Idylle gelegt. Eine Handvoll Menschen hat den einsamen Torfweg ins Moor gefunden. Zwei große Hinweistafeln informieren darüber, was da zwischen Maisanbau und Grünland wächst.

Um was geht es im Hohenbökener Moor?

Mitten im trockengelegten Moor auf einer Fläche von etwa 3000 Quadratmetern ist ein Versuchspolder entstanden: „Produktketten aus Niedermoorbiomasse“ heißt das Verbundvorhaben, das helfen soll, die Kuh gewissermaßen vom Grünland zu kriegen und gleichzeitig Landwirten eine wirtschaftliche Alternative bieten soll.

Gehäckselt oder gepresst: Rohrkolben lassen sich als Dämmstoffe einsetzen - Professor Heinrich Wigger überprüft im Energieffizienzprüfstand die Materialeigenschaften. BILD: TVR

Paludikultur

Paludikultur ist die land- oder auch forstwirtschaftliche Nutzung nasser oder wiedervernässter organischer Böden – dazu zählen Moore. Sie konservieren unter Luftabschluss Kohlenstoff in Form von unvollständig zersetzen Pflanzen. Legt man das Moor trocken, entweichen die Kohlenstoffverbindungen als klimaschädliches Kohlendioxid. Der „Normalfall“ sind mineralische Böden.

Voraussetzung ist ein Wasserstand, der nahe der Bodenoberfläche liegt – ganzjährig. Dadurch bleibt der Torfkörper erhalten oder wächst. Die Freisetzung von Treibhausgasen wird minimiert.

Für Niedersaschen kommen folgende Kulturen infrage: Torfmoos fürs Hochmoor; fürs Niedermoor Schilf, Rohrkolben, Rohrglanzgras, Seggen und Schwarzerlen.

Nutzungsmöglichkeiten sind vielfältig, aber noch nicht wirtschaftlich: Torfmoos beispielsweise als Torfersatz, Rohrkolben als Dämmmaterial.

Dort wachsen in diesen Tagen etwa 3200 Rohrkolben und 2200 Schilfpflanzen. Das Zauberwort, das Wissenschaftlern und Projektbeteiligten leicht über die Zunge geht, verursacht bei vielen Landwirten zunächst Schluckbeschwerden: Paludikultur.

Die Idee: Man vernässt trockengelegte Moore und bewirtschaftet die einstigen Grünlandflächen landwirtschaftlich weiter – aber eben mit Paludikultur: Torfmoos, Rohrkolben, Schilf oder Wasserbüffel statt Kühe auf einer intensiv bewirtschafteten Weide.

Warum brauchen wir Paludikultur?

Über Jahrzehnte hinweg haben Landwirte das Moor zugänglich gemacht – das war politisch gewollt und gefördert. Über die Folgen fürs Klima hat sich damals kaum jemand Gedanken gemacht. Das Problem: Intakte, nasse Moore speichern Unmengen an Kohlenstoff. Legt man die Moore trocken, reagiert der gespeicherte Kohlenstoff mit Sauerstoff zum Treibhausgas Kohlendioxid. Und da der Großteil der hiesigen Moore bereits trockengelegt wurde und als Grünland genutzt wird, setzen diese Flächen kontinuierlich Treibhausgase frei. Eine Wiedervernässung könnte den Prozess unterbinden – erfordert aber in der Landwirtschaft ein radikales Umdenken und in der Wissenschaft noch viele Untersuchungen.

Das 2016 beschlossene Klimaschutzprogramm hingegen hat bereits Nägel mit Köpfen gemacht: Bis 2030 sollen die Landwirte jährlich fünf Millionen Tonnen CO2 einsparen – über Wiedervernässung.

Was passiert auf der Versuchsfläche?

Dort wachsen seit November 2020 verschiedene moortypische Pflanzen wie Rohrkolben – bekannt als Lampenputzer – die sich beispielsweise als Dämmmaterial eignen. Zum einen geht es in dem Verbundvorhaben also um die künftige Verwertung: „Wie pflanzt man Rohrkolben am besten an, wann muss und vor allem über viele Jahre kann er geerntet werden?“, erklärt Colja Beyer von der Kompetenzstelle Paludikultur – verankert im 3N Kompetenzzentrum Niedersachsen Netzwerk nachwachsende Rohstoffe, das das Vorhaben initiiert und zur Besichtigung ins Moor eingeladen hat.

Der zweite Fokus liegt auf dem Klimawandel: „Wie wirkt sich die Wiedervernässung auf den Klimawandel aus“, erklärt Dr. Bärbel Tiemeyer vom Braunschweiger Thünen-Institut. Die Wissenschaftlerin misst unter anderem, wie viel Kohlendioxid und Methan entsteht und ob am Ende durch die Wiedervernässung Treibhausgase eingespart werden. Zum Vergleich gibt es eine Grünlandfläche neben dem Polder: „Die ist definitiv eine erhebliche CO-Quelle“, so Tiemeyer.

Wie wird die Verwertung konkretisiert?

Die Jade Hochschule Oldenburg ist Verbundpartner und hat kürzlich auf ihrem Campusgelände einen „Energieeffizienzprüfstand“ errichtet: Was technisch klingt, ist ein solides Holz-Häuschen, das sich energetisch selbst versorgt und in dem Studierende Bau- und Dämmmaterialien auf Marktreife hin untersuchen – so eben auch die Rohrkolben aus dem Hohenbökener Moor – verbaut in verschiedenen Konstellationen: „Als Einblasdämmstoff, als Dämmstoffplatte – mit und ohne Lehmputz“, erklärt Professor Heinrich Wigger vom Institut für Materialprüfung. Messfühler ermitteln Daten für Temperatur, Luftfeuchte und Wärmestrom, die das künftige Bauprodukt marktreif machen sollen.

Was sagen die Projektverantwortlichen?

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„Es gibt viele unbeantwortete Fragen“, resümiert Dr. Marie-Luise Rottmann-Meyer als Geschäftsführerin vom 3N-Kompetenzzentrum.

Fest steht für sie: „Die Wiedervernässung der Moore funktioniert nur im großen Stil. Ein einzelner Landwirt ist machtlos.“

Katja Lüers Redakteurin / Reportage-Redaktion
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