Brettorf - Im Großen Ort 14 ist eine stolze Adresse für den Schützenhof. Das Anwesen am Rand des ländlichen Orts Brettorf (Gemeinde Dötlingen) hat seine besten Jahre hinter sich. Die Buchstaben über dem Eingang sind abgeblättert, der Schankraum weckt Erinnerungen an die 70er Jahre. Doch die AfD ist zufrieden, dass sie überhaupt einen Tagungsort für die Aufstellung ihrer Kandidaten zur Landtagswahl am 9. Oktober gefunden hat.
Mühsame Suche
Der AfD-Chef der AfD im Kreis Oldenburg, Harm Rykena, sagt, eine Parteiversammlung in einer öffentlichen Halle werde regelmäßig juristisch angefochten, was eine sichere Planung verhindere. Bei Sälen in der Gastronomie befürchteten die Wirte Boykottaufrufe oder Sachbeschädigungen, wenn sie die AfD aufnehmen; sie hielten sich deshalb zurück. Der Wirt des Schützenhofs in Brettorf (“hat nicht viel Umsatz zu verlieren“) habe bereits den Kreisverband beherbergt und auch für die Aufstellungsversammlung zugesagt. Rykena: „So viele andere Möglichkeiten hatten wir nicht.“
Im Schützenhof in Brettorf tagen knapp 120 Delegierte der AfD Niedersachsen. Bild: Fabian Steffens
Mehr Stimmzettel als Delegierte
Für eine Mitgliederversammlung mit Hunderten Mitgliedern reicht der Platz im Schützenhof nicht aus. Die Kreisverbände schickten deshalb Delegierte, um die Partei nach der turbulenten Ablösung des Landesvorstandes Ende Mai für die Landtagswahl vorzubereiten. Der erste Tag des Parteitreffens lief in geordneten Bahnen. Ein Antrag aus dem Kreisverband Hannover, Fragen an die Kandidaten grundsätzlich nicht zu gestatten, wurde nach kurzer Debatte abgeschmettert. Und die Wahl des Spitzenkandidaten musste wiederholt werden: Beim ersten Anlauf gab es mehr Stimmzettel als Delegierte. Für AfD-Verhältnisse Kleinigkeiten.
Breite Mehrheit für Spitzenkandidat
Demonstrativ geschlossen zeigte sich die Partei bei der Wahl des Spitzenkandidaten. Stefan Marzischewski-Drewes – einziger Bewerber um den Listenplatz 1 – erhielt 96 der 112 Stimmen. 13 Mitglieder stimmten gegen den 56 Jahre alten Kommunalpolitiker, drei enthielten sich. Der Facharzt für Radiologie und Allgemeinmedizin ist seit 2016 Vorsitzender der Gifhorner Stadtrats- und Kreistagsfraktion. Klare Mehrheit auch für Ansgar Schledde aus Schüttorf (Landkreis Grafschaft Bentheim): Der Bauingenieur und neue Vize-Landesparteichef schlug mit 82 Stimmen Ex-Landeschef Armin Paul Hampel (30). Jens-Christoph Brockmann, Landkreis Celle, setzte sich gegen MdB Andreas Iloff (Landkreis Diepholz) für Listenplatz 3 durch. Harm Rykena (MdL), Ahlhorn, tritt auf Listenplatz 9 an.
Die AfD Niedersachsen hat folgende Kandidatinnen und Kandidaten zur Landtagswahl am 9. Oktober aufgestellt: Spitzenkandidat Stefan Marzischewski-Drewes, Gifhorn; 2. Ansgar Schledde, Schüttorf; 3. Jens-Christoph Brockmann, Gemeinde Südheide; 4. Klaus Wichmann, Verden; 5. Peer Lilienthal, Barsinghausen; 6. Delia Klages, Gemeinde Emmerthal; 7. Stephan Bothe, Lüneburg; 8. Alfred Dannenberg, Heidekreis; 9. Harm Rykena, Gemeinde Großenkneten; 10. Marcel Queckemeyer, Bippen; 11: Josef Rakicky; 12: Platz 12: Thorsten Paul Moriße (Wilhelmshaven); Platz 13: Holger Kühnlenz; Platz 14: Omid Najafi; Platz 15: Jessica Miriam Schülke; Platz 16: Vanessa Behrend; Platz 17: Dennis Jahn; Platz 18: Jürgen Pastewski; Platz 19: Dr. Ingo Kerzel; Platz 20: Rainer Sekula; Platz 21:David Schmalstieg; Platz 22: Alfons Muhle; Platz 23: Rene Kühn
Durchlasskontrollen
Vom Protestmarsch gegen die AfD, der sich am Samstag gegen Mittag vom Bahnhof in den Ort aufgemacht hatte, bekamen die Delegierten nichts mit. Die Polizei hatte den Versammlungsort abgeriegelt. Wer zur AfD wollte, musste sich an Durchlassposten ausweisen. Die Polizei Delmenhorst begründete den Anfahrtsweg, der nicht durch die Ortsmitte führte, mit polizeitaktischen Gründen. So sollten ein Aufeinandertreffen von Parteiversammlung und Protestmarsch vermieden werden. Aus Sicht der AfD eine gute Entscheidung: In Hannover und anderen Städten seien die Demonstranten dicht an den Tagungsort herangelassen worden, sagt Rykena. Teilnehmer hätten durch ein Spalier von Polizisten beim Betreten der Halle geschützt werden müssen; Redner hätten durch Pfeifkonzerte zum Teil ihr eigenes Wort nicht verstanden.
Hunderte Demonstranten protestierten gegen das AfD-Treffen. Bild: Fabian Steffens
Bündnis protestiert
Jens Heinefeld von der CDU Dötlingen, einer der Organisatoren des Protestes, begrüßte „fast 1000 Leute“, aber das schien ein bisschen übertrieben. Die Polizei ging von rund 350 aus. Die Demonstration verlief ohne Zwischenfälle. Zwei Dutzend überwiegend sehr junge Teilnehmer erschienen schwarz gekleidet und vermummt, machte jedoch nur durch laute Parolen auf sich aufmerksam. „Da drüben werden die Landtagskandidaten für eine Politik von gestern gewählt“, sagte Anika Hoffmann (Grüne) und zeigte Richtung Schützenhof, „hier stehen alle, die eine Politik von heute und für die Zukunft wollen.“ Thore Güldner (SPD) sah die gemeinsame Demonstration von Linken bis Konservativen als Chance, die Rolle Dötlingens in der NS-Zeit aufzuarbeiten.
Fortsetzung am Sonntag
Bis zum späten Samstagabend stellten die Delegierten die ersten zehn Kandidaten auf. Mehrere Redner forderten, die Serie von Niederlagen der AfD bei Wahlen in Bund und Ländern in Niedersachsen zu beenden. Wie das gelingen soll, blieb allerdings bei den Redebeiträgen offen. Am Sonntag ging das Parteitreffen zu Ende.
