Kühlingen - Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass Finja Wilkens ihren Vater an Blutkrebs verloren hat. Mitten in der Corona-Pandemie. Erst an seinem Sterbetag durften die engsten Angehörigen von ihm Abschied nehmen – zuvor hatte Hans-Gerd Wilkens zwei Monate lang völlig isoliert für die Stammzelltransplantation in einer Hamburger Klinik gelegen. Die strikten Corona-Kontaktbeschränkungen hatten einzig Videotelefonate zugelassen.
Über den Leidensweg ihres Vaters und der gesamten Familie hat Finja Wilkens im April dieses Jahres bei der zentralen Gedenkfeier für die Verstorbenen der Corona-Pandemie in Berlin sprechen dürfen. Als eine von fünf Hinterbliebenen erzählte sie ihre Geschichte vor Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, den Vertretern der fünf Verfassungsorgane und Fernsehkameras – und bewegte damit auch die Menschen in der Region.
Bei der Vorstellung der Anthologie im November hat Finja Wilkens Teile aus der Hommage an ihren Vater vorgetragen und damit die Zuhörer berührt. An diesem Samstag, 18. Dezember, werden bei der Abschlussveranstaltung der Berner Bücherwochen mehrere Autoren für ihre Beiträge ausgezeichnet. Unter den Preisträgern ist Finja Wilkens.
Das Lesebuch „Sei Mensch, hab Herz!“ ist in diesem Jahr im Geest-Verlag erschienen und kann unter der ISBN 978-3-86685-864-0 für 16 Euro überall im Buchhandel bestellt werden. 548 Seiten umfasst die Sammlung, die Texte von gut 50 Autoren aus der Wesermarsch und dem Landkreis Oldenburg beinhaltet.
Trauer allgegenwärtig
Im Sommer, als die Familie ihr gut besuchtes Melkhus in Kühlingen wieder öffnete, sei sie oft auf ihre Rede im Fernsehen angesprochen worden, berichtet Finja Wilkens. Aber es habe genauso auch Gäste gegeben, die vom Tod ihres Vaters noch nicht erfahren hatten und ihn auf dem Hof vermissten. Die Trauer war für Ehefrau und Töchter allgegenwärtig. Das Geschehene zu verarbeiten, sei vor allem durch die fehlenden Kontaktmöglichkeiten in der Klinik erschwert worden, ist Finja Wilkens überzeugt.
Alles aufgeschrieben
Dass ausgerechnet das Schreiben und die Rückschau auf das Geschehene sie ein großes Stück voran bringen würde, konnte sich die 29-Jährige zunächst nicht vorstellen. Als sie von Reinhard Rakow, dem Organisator der Berner Bücherwochen, gebeten wurde, einen Beitrag für „Sei Mensch, hab Herz!“, eine regionale Anthologie der Landkreise Wesermarsch und Oldenburg, zu verfassen, habe sie zunächst mit sich gerungen, sagt Finja Wilkens. „Aber ich habe mir dann die Zeit genommen und alles aufgeschrieben.“ Oft schrieb sie im Friedwald, unter dem Baum, an dem ihr Vater bestattet ist. „Das war ein Stück Trauerbewältigung“, sagt die Kühlingerin in der Rückschau.
Stiller Helfer
Nicht nur die beiden Blutkrebsdiagnosen von Hans-Gerd Wilkens und die schwere Zeit an seinem Lebensende kommen in dem gut 40-seitigen Kapitel vor. Finja Wilkens war es wichtig, vom Leben und Wirken ihres Vaters zu erzählen, der so vielen Mitmenschen geholfen hat – ob dem taubstummen Sohn einer geflüchteten Familie aus der Nachbarschaft, dem Verkäufer einer Obdachlosenzeitung oder auch Ausflüglern, die sich im nahe gelegenen Hasbruch verirrt hatten. „Er hat das alles immer einfach gemacht und es nie an die große Glocke gehängt“, sagt Finja Wilkens.
So sehr ihr das Schreiben beim Umgang mit ihrer Trauer geholfen hat: Die Rückschau habe ihr auch vor Augen geführt, dass sich seit dem Tod ihres Vaters wenig verändert habe. „Man ist jetzt wesentlich weiter als vor einem Jahr, es gibt Testmöglichkeiten und Impfstoffe“, sagt sie. Trotzdem würden weiterhin Menschen einsam sterben.
