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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Kultur

Die Eiche mit den vielen Gesichtern

21.07.2011
NWZonline.de NWZonline 2015-07-29T16:42:15Z 280 158

Kunst:
Die Eiche mit den vielen Gesichtern

HUDE Wolf E. Schultz weiß, wann es genug ist: „Als ich noch jung war, habe ich mir vorgenommen, in meinem Leben genau 1000 Skulpturen zu schaffen. Das habe ich erreicht. Nun ist Schluss.“ Abschiedsschmerz ist das nicht, der aus ihm spricht. Eher ein Aufatmen, das Klassenziel erreicht zu haben. „Tatsächlich bin ich erleichtert, jetzt von meinem Pflichtgefühl entbunden zu sein“, legt der 71-jährige Bildhauer, der weit über die Grenzen der Klostergemeinde bekannt ist, nach.

Und um eines gleich noch vorweg klarzustellen: An den Nagel gehängt hat Wolf E. Schultz nur seine bildhauerische Tätigkeit – nicht aber die künstlerische. „Endlich kann ich mich wieder vermehrt der Fotografie widmen“, verrät er. Andere Ideen schlummerten ebenfalls in seinem Kopf. Doch nicht alles, was für die Zeit danach komme, sei aktuell schon spruchreif.

Bilder von Begegnungen

1000 Skulpturen („In Wirklichkeit sind es sogar ein paar mehr geworden“) – das klingt gewaltig. Entstanden in einem Zeitraum von vier Jahrzehnten. Einige sind im Huder Stadtkern ausgestellt, andere bei ihm in der Werkstatt, aber der Großteil der Kunstwerke befindet sich auf dem Skulpturenufer entlang des Huder Bachs. An diesem Ort hat sich Wolf E. Schultz das wohl schönste Abschiedsgeschenk gemacht. Am Mittwoch weihte er dort seine offiziell letzte Holzskulptur ein. Es handelt sich um einen mehrere Meter in die Höhe ragenden Totempfahl, der allein wegen seiner Größe und Filigranität schon einen Ehrenplatz unter den insgesamt 40. Objekten auf der naturbelassenen Wiese einnimmt. Aus der Nähe entfaltet das Kunstwerk eine zusätzliche Wirkung, der man sich als Betrachter nur schwer entziehen kann. Gesichter – „Porträts von Menschen aus aller Welt“, erklärt der Künstler – habe er in das Eichenholz geschnitzt. „Nein, die kenne ich nicht persönlich“, sagt er auf Nachfrage. „Es sind Bilder meiner Begegnungen, wie ich sie zu meiner Zeit als junger Schiffsoffizier auf den Weltmeeren erlebt habe.“ Statt individuelle Gesichtszüge herauszuarbeiten hat Schultz die durch Abstammung charakteristischen Merkmale hervorgehoben. Zu erkennen sind eine Afrikanerin, eine Chinesin, ein Russe. Die Vielfalt der Menschen, so resümiert er nachdenklich, ziehe sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen. „Schauen Sie sich um“, sagt er und zeigt auf die anderen ausgestellten Holz- und Metallkunstwerke, „jedes Objekt ist wie eine Tagebuchseite. Das sind alles Geschichten und Erinnerungen von mir, die ich später in der Kunst verarbeite.“ Der liegende Riese da vorne zum Beispiel symbolisiere eines der großen Themen, das die Menschheit von jeher berühre: den Augenblick des Todes.

Aber auch politische Ansichten mittels Kunst kundzutun, scheut der 71-Jährige nicht und präsentiert wie zum Beweis einen Ritter ohne Kopf. Mit ihm habe er seinen Frust über die Amtszeit von George W. Bush zum Ausdruck bringen wollen.

Nicht ewig

„Wenn ich arbeite, dann wie in einem Rausch“, sagt Wolf E. Schultz. „Hunger und Durst spielen in dieser Phase keine Rolle.“ Innerhalb von vier Tagen sei seine 1000. Skulptur, der Totempfahl, entstanden. Ein intensiver Schaffensprozess ist das, von dem er aber nicht glaubt, dass er ihn in Zukunft vermissen werde. Und um zu belegen, dass er auch wirklich ein Mann der Tat ist und keiner, der getroffene Entscheidungen zurücknimmt, sagt Wolf E. Schultz und tippt sich dabei an die Stirn: „Meinen Lieferwagen und die Motorsägen habe ich bereits abgegeben. Jetzt muss das nur noch im Kopf ankommen.“

Dass seine Objekte nicht für die Ewigkeit geschaffen sind – damit hat der Huder Künstler kein Problem. „Wie auch? Holz verrottet nun mal.“ Auch die letzte Skulptur wird es irgendwann mal treffen. „Dann ist es eben so“, sagt Schultz.

Sich als Künstler über seine Kunst unsterblich zu machen: Wolf E. Schultz scheint diese Anerkennung nicht zu brauchen.

Am 31. Mai 1992 wurde das Skulpturenufer entlang des Huder Bachs eingeweiht. Für das Jubiläum im Jahr 2012 planen Gemeinde und Künstler einen Festakt.

Bei dem Grundstück handelt es sich um eine Ausgleichsfläche, die nicht bebaut werden darf. Die Gemeinde hat die Zweischnittwiese zur Verfügung gestellt.

Die Gemeinde plant in der nächsten Zeit, eine neue Beschilderung des Skulpturenufers vorzunehmen. Besucher sollen auf „Regeln“ hingewiesen werden, die es beim Betreten der Wiese zu beachten gilt. So sollen zum Beispiel Eltern darauf achten, dass Kinder nicht auf den Objekten herumturnen, auch an Hundebesitzer richtet sich ein Appell. In der Vergangenheit sei die Fläche häufig als Hundetoilette missbraucht worden, heißt es.