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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Kultur

Ein kleines Glied in der Traditionskette

22.05.2017
Frage: Herr Boning, wie wird man eigentlich Mitglied des Gilde-Gerichts?
Boning: Ich weiß das eigentlich gar nicht mehr genau. 1967 gingen wir in die Lehm­kuhle. Natürlich wurde ordentlich getrunken. Und nachher wurde mir gesagt: Du bist jetzt Richter. Mein Freund Claus Grotelüschen, damals Besitzer des „Haus am Krandel“, konnte sich auch nicht mehr erinnern.
Frage: Und jetzt soll nach 50 Jahren Schluss sein?
Boning: Ja, ich will bewusst Schluss machen und nicht mehr den „Kasper der Gilde“ spielen. Denn ich will nicht mit der Bahre vom Platz getragen werden.
Frage: Aber es hat doch immer Spaß gemacht, oder?
Boning: Ich habe das immer als Last empfunden. Denn ich konnte Pfingsten ja nie tun, was ich wollte. Ich liebe es zu feiern, also sozusagen vogelfrei zu sein. Und dazu möchte ich jetzt im Ruhestand wieder kommen. Darum habe ich zwischendurch schon einmal gefehlt. Und Schluss machen wollte ich schon viel eher.
Frage: Die Geschichte müssen Sie bitte erzählen!
Boning: Gern. Es war 1985. Ich hatte freitags beim Hauptmann der Wache meinen Abschied eingereicht, schriftlich natürlich. Am Sonntag besuchte ich im Rathaussaal eine Fotoausstellung mit alten Bildern vom Gildefest, zusammengestellt von Alfred Panschar. Mehr noch als die eindrucksvollen Fotos faszinierten mich die Ausstellungsbesucher. In Trauben standen sie an den Schautafeln, um die Menschen auf den Bildern zu identifizieren. Das war mein Damaskus-Erlebnis: vom Saulus zum Paulus. Es ist mir geradezu zu Herzen gegangen, wie sich die Besucher mit den Leuten auf den Bildern verbunden fühlten – selbst wenn diese schon längst verstorben waren. Einer sprach vom „Onkel Deid“, andere vom alten König. Da ging mir ein Licht auf, und ich dachte: „Verdammt noch mal, das ist Heimatgefühl. Da musst du dabei bleiben, damit du in dieser langen großen Traditionskette ein ganz kleines Glied bist.“ Also habe ich noch 32 Jahre durchgehalten.
Frage: Das ist ja fast beispiellos, oder?
Boning: Nein, das geht vielen Menschen so. Ein weiteres Beispiel: Otto Böttcher, mein Vertreter im Hohen Gericht. Der ist aus Köln gekommen und hat in Wildeshausen auch erstmal so etwas wie ein Heimatgefühl entwickelt.
Frage: Sie waren lange Jahre Marketing-Chef der Bremer Landesbank. War im privaten Umfeld schon einmal Ihre juristische Expertise gefragt?
Boning: (lacht) Ja, ich bin einmal von einem Hausbesitzer angerufen worden, der eine Auskunft wegen eines Rechtsstreits mit einem Mieter haben wollte. Dem musste ich erklären, dass ich gar kein Jurist bin.
Frage: Stets fordern Sie als Staatsanwalt das „Ersäufen in der Hunte“. Was war denn bisher das härteste Urteil?
Boning: Das habe ich selbst nicht miterlebt. Ex-Gerichtspräsident Hans Auffahrt, eine Wildeshauser Institution, hat mir berichtet, dass ein Mann verurteilt und in einem Verschlag im Ratskeller eingesperrt wurde. Den haben sie tatsächlich dort vergessen und erst am Mittwoch nach Pfingsten wieder rausgelassen.
Frage: War das Gericht auch andernorts im Einsatz?
Boning: Es ist eine tragikomische Geschichte passiert. Dieser Auffahrt war Pfingsten im Krankenhaus und wir haben ihn besucht – also im Talar ins Johanneum. In Auffahrts Zimmer lag ein Mann, dem es sehr schlecht ging und der mehrere Zugänge für Medikamente hatte. Als er uns sah, bekam er einen Riesenschreck. Er riss sich die Kanülen aus dem Arm, sprang aus dem Bett und lief auf den Flur. Er dachte, wir seien vom Bestattungsunternehmen und wollten ihn abholen. Ein Pfleger hat ihn dann beruhigt und erklärt, dass alles Spaß ist.
Frage: Nimmt die Zahl der Zwangsehen vor dem Gilde-Gericht zu?
Boning: Ja klar. Wir haben schon viele erlebt, die später als Ehepaare wiedergekommen sind und zum Teil sogar ihre Kinder mit in den Krandel gebracht haben.
Frage: Wer war der prominenteste Gast vor Gericht?
Boning: Wir hatten schon viele Minister da. Alle Namen merke ich mir nicht. Dem ehemaligen niedersächsischen Kultusminister Richard Langeheine habe ich einmal vorgeworfen, seine Eltern hätten sich die größte Mühe gegeben, einen tüchtigen Menschen aus ihm zu machen. Und er sei lediglich „einfacher Diener“ geworden. „Diener“ ist nämlich die Übersetzung des lateinischen Begriffes „Minister“. Der hat sich später schriftlich für die lustige Verhandlung bedankt. Eine ähnliche Verhandlung habe ich beim Dorf-Sheriff von Dötlingen zelebriert. Und der wollte mich wegen Beleidigung anzeigen. Uwe Gropp, auch Mitglied des Hohen Gerichts und Polizist, hat das dann in Freundschaft geregelt.
Frage: Wen möchten Sie denn in diesem Jahr noch in Ketten vorführen lassen?
Boning: Warten Sie’s ab! Auf jedem Fall kommen meine Tochter aus Dortmund, viele Freunde in Oldenburg und andere, die mit mir feiern wollen. Dann können wir gleich mehrere „Räuberbanden“ k.o. schlagen.
Frage: Darf ein Richter auf den Papagoy schießen?
Boning: Warum nicht? Ich habe es schon versucht. Nach einigen Jahren Richtertätigkeit kam ich auf die glorreiche Idee, Schützenkönig zu werden. Also ging ich zum Wachefeldwebel Heini Reinberg und eröffnete ihm mein Anliegen: „Es wird endlich mal Zeit, dass ein Richter König wird!“ Er musterte mich von oben bis unten, überlegte eine Weile und meinte dann: „Mokt wi, mokt wi, wenn’t sowiet is griebt wi di.“ („Machen wir, machen wir, wenn es soweit ist, greifen wir dich.“)
Zwischen den Gerichtsverhandlungen trainierte ich mit Eifer und einigem Erfolg. Nur, König wurde ich nicht. Als ich Heini Reinberg später um eine Erklärung bat, knurrte der kopfschüttelnd: „So en Döskopp wie du, de just bi’n Königsschuss den Püster noa unnen holt, ward nienich König“. („Ein Dummkopf wie du, der just im Augenblick des Königsschusses sein Gewehr nach unten hält, kann nie König werden“). Feldwebel Reinberg hat übrigens bis heute Recht behalten.
Frage: Standen Sie schon einmal selbst vor Gericht?
Boning: Ja, als Zeuge. Ich war im Gasthaus Stegemann, als ein offensichtlich betrunkener Autofahrer meinen PKW beschädigte. Weil er den Schaden nicht begleichen wollte, sahen wir uns später vor Gericht. Der junge Richter lümmelte sich auf seinem Stuhl. Beim Zeugenaufruf stand ich nicht auf. Ich sagte ihm: Solange Sie sich hier so herumlümmeln, stehe ich nicht auf. Also setzte er sich gerade in seinen Richterstuhl, und ich bin aufgestanden und habe meine Aussage gemacht.
Frage: Und wie wird 2018 das Gildefest gefeiert?
Boning: Dann marschiere ich mit der Ratskompanie aus. Es kann aber auch sein, dass ich woanders sitze und trinke.
Stefan Idel
Redaktionsleitung
Redaktion Wildeshausen
Tel:
04431 9988 2701

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