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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Kultur

Esther Bejarano in Ganderkesee: Die späte Rache einer 95-Jährigen an den Nazis

29.02.2020

Ganderkesee Ihre Mission, so scheint es, verleiht Esther Bejarano übermenschliche Kräfte. Im Moment, in dem die alte Dame die Bühne betritt, benötigt sie die helfende Hand von Sohn Joram nicht mehr. Während sie liest, sitzt die 95-Jährige an einem kleinen Tisch – eine halbe Stunde später, als die Lesung nahtlos in den Konzertblock übergegangen ist, steht sie mit kerzengeradem Rücken neben ihren Musikern. Die Stimme fest, die Gesten entschlossen. Und sie tanzt, als die Musik sich dafür anbietet.

Unermüdlich auf Tour

„Warum tut die Frau sich das an – und zieht auch noch ihren Sohn mit rein?“, fragt Kutlu Yurtseven, Mitglied der Kölner Rap-Combo Microphone Mafia, mit der Esther Bejarano seit mehr als zehn Jahren auf Tour ist. Diese Frage mag sich manch einer gestellt haben, bevor er sich am Donnerstagabend in der ausverkauften Mensa des Ganderkeseer Schulzentrums eingefunden hat. Hinterher wird er die Antwort kennen.

Was Esther Bejarano mit Unterstützung ihres Sohnes am E-Bass und Kutlu Yurtseven als Sänger und Rapper allein in den vergangenen drei Jahren bei mehr als 300 Auftritten getan hat, sei „ihre späte Rache an den Nazis“, erklärt Yurtseven. Er hat 2007 Kontakt zur Familie Bejarano aufgenommen, um gemeinsam ein musikalisches Projekt gegen Rassismus zu starten. „Es ist uns eine Ehre, Teil deiner Rache zu sein“, sagt Yurtseven an Esther Bejarano gewandt.

Bewegende Schilderung

Unter den 200 Zuhörern in Ganderkesee sind zahlreiche Zehntklässler des Gymnasiums. Sie hören die bewegende Schilderung dessen, was Esther Bejarano ab dem 20. April 1943 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau widerfahren ist – Demütigung, Misshandlung, Entmenschlichung. „Namen wurden abgeschafft, wir waren nur noch Nummern“, sagt die Hamburgerin, der von den Nazis die Nummer 41948 auf den Unterarm tätowiert wurde.

Gerettet hat die junge Frau damals ihre Musikalität. Als für das Mädchenorchester des Lagers eine Akkordeonistin gesucht wurde, absolvierte sie ein Vorspiel – das sie „wie durch ein Wunder“ bestand, obwohl sie nie zuvor ein Akkordeon in der Hand gehalten hatte. Später im Programm wird Esther Bejarano eben jenes Stück, das ihr den Platz im Orchester sicherte, auch in Ganderkesee singen: „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami“.

Esther Bejarano schildert auch Begegnungen mit Oberstabsarzt Mengele, der mit einer Handbewegung darüber entschied, ob Häftlinge in die Gaskammer gebracht wurden oder noch eine Galgenfrist erhielten. Sie beschreibt, wie das Orchester die Neuankömmlinge mit Musik in Sicherheit wiegen musste – obwohl diese „direkt ins Gas“ fuhren.

Von US-Soldaten befreit

Schließlich erzählt Esther Bejarano von ihrer Verlegung ins KZ Ravensbrück, die Zwangsarbeit für die Firma Siemens und ihre Arisierung, die ihr einige Privilegien einbrachte. „In meinem Herzen blieb ich selbstverständlich weiter Jüdin“, liest sie, bevor sie schließlich auf die Evakuierung des Lagers am Kriegsende, den Marsch an der Seite von SS-Schergen durch Mecklenburg, ihre Flucht zusammen mit sechs Freundinnen und die Befreiung durch amerikanische Truppen eingeht. „Es war nicht nur meine Befreiung – es war meine zweite Geburt“, endet ihre Schilderung.

Musikalischer Appell

Das Publikum applaudiert stehend, bevor die Lesung ins Konzert übergeht und die Schilderungen des Vergangenen zum Appell für die Zukunft werden. Kutlu Yurtseven zieht Parallelen zwischen den rechten Pogromen Anfang der 90er Jahre in Ostdeutschland, Mölln, Solingen, den Morden des NSU und gegenwärtigen Entwicklungen. In allen Fällen sei geschwiegen worden. Auch nach Hanau vermisse er einen Aufschrei. „Menschen leiden, doch du bist still“, singen und rappen Esther Bejarano und Kutlu Yurtseven, bevor sie auf Kölsch „Wann jeiht d’r Himmel widder op“ anstimmen –jenes Lied, das die Höhner nach dem Anschlag in Hoyerswerda auf dem Kölner Chlodwigplatz gesungen haben.

Den Abschluss des Konzerts bildet schließlich das Partisanenlied „Bella Ciao“, bevor sich die Zuhörer abermals von den Stühlen erheben, um Esther Bejarano und ihren Begleitern Anerkennung zu zollen. Eine der Musikklassen des Gymnasiums bedankt sich schließlich noch in musikalischer Form für den eindrucksvollen Abend.

Karoline Schulz Redakteurin, Agentur Schelling / Redaktion Ganderkesee
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