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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Kultur

Als für die Alexanders der Terror begann

09.11.2018

Ganderkesee An diesem 9. November ist es genau 80 Jahre her, dass in Deutschland die Synagogen brannten, dass Juden gedemütigt und bedroht, geschlagen und getötet wurden. In Ganderkesee gab es keine Synagoge, es hat hier an diesem Tag auch nicht gebrannt und die Eheleute Fritz und Sara Alexander, seinerzeit die einzigen verbliebenen Juden in der Gemeinde und im Dorf immer noch von vielen geachtet, blieben in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 unbehelligt. Aber auch für sie und ihre Familie markierte dieses historische Datum den Anfang vom Ende, den Beginn des Terrors.

Schon am nächsten Morgen wurde Fritz Alexander, damals 74 Jahre alt, von der Polizei verhaftet und ins Gerichtsgefängnis nach Delmenhorst gebracht. Nach einer einschüchternden Tirade des NSDAP-Kreisleiters kam er aus Altersgründen wieder frei. Zur Ruhe kommen sollten er und seine Frau aber nicht mehr: Regelmäßig erschien nun die Gestapo im Haus des Viehhändlers an der Ecke Lange Straße/Ring. Nachbarn und Bekannte, die bis zur Pogromnacht noch Kontakt pflegten, zogen sich zurück – sicher auch aus Angst vor Repressalien durch die örtliche Parteiführung um den Bürgermeister Friedrich Struthoff, einen überzeugten Nazi.

kommentar

Gelegenheit

versäumt

Jeder Mensch mit Empathie kann nachempfinden, wie Fritz und Sara Alexander gelitten haben. Wer eine Familie, ein Haus, einen Beruf hat, braucht sich nur am persönlichen Beispiel vorzustellen, wie es wäre, zuerst Schritt für Schritt aus Arbeitswelt und Gesellschaft ausgestoßen zu werden, dann entrechtet und des über Jahrzehnte erworbenen Besitzes beraubt, dann verjagt, verschleppt, gequält zu werden – und am Ende vor dem Sterben an einem fürchterlichen Ort nicht einmal zu wissen, wo die Kinder sind und ob sie überhaupt noch leben.

Dieses Leiden darf nicht in Vergessenheit geraten, nirgendwo. Es muss immer wieder daran erinnert werden, überall. Und beim Blick darauf, wozu Menschen in diesem Land fähig waren, müssen nicht nur die bekannten und verurteilten Kriegsverbrecher gesehen werden, sondern auch ihre Schergen und Helfershelfer bis in jedes Dorf. Auch in Ganderkesee.

Ein Tag wie der 9. November ist des Gedenkens wert, erst recht wenn sich die Schrecken der Pogromnacht zum 80. Mal jähren. Und das geschieht zum Glück auch an ganz vielen Orten. In Ganderkesee ist nichts dergleichen angekündigt. Schade!

Es gibt aber eine Möglichkeit, schnell und einfach eine dauerhafte und sichtbare Erinnerung an die jüdische Familie Alexander in Ganderkesee zu schaffen: Warum gibt es in der Gemeinde eigentlich keine Alexanderstraße?

Den Autor erreichen Sie unter

Fritz Alexander und seine ein Jahr jüngere Frau Sara entschieden sich – ob freiwillig oder unter Druck, ist nicht ganz klar – zum Umzug nach Hamburg, wo sie in einem jüdischen Altersheim leben wollten. Zur Finanzierung verkauften sie ihr Haus an die Gemeinde – zu einem erzwungen niedrigen Preis. Das Geld ging direkt an die von der SS kontrollierte „Reichsvereinigung der Juden“.

Geschichte aufgearbeitet

Dass diese Einzelheiten und auch das weitere Schicksal der Alexanders so genau bekannt sind, ist Dr. Werner Meiners aus Wardenburg zu verdanken. Der Lehrer und Historiker, der fast 30 Jahre in Ganderkesee unterrichtete, hat die Geschichte der Familie umfassend recherchiert und 1988 – 50 Jahre nach der Pogromnacht – in einem Buch veröffentlicht. Und auch 30 Jahre später ist er sofort im Thema, wenn er auf die Familie Alexander angesprochen wird.

Meiners, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Geschichte jüdischer Familien in der Region befasst, legt vor allem Wert auf die Feststellung, dass Druck und Gewalt des NS-Systems zwar von oben angeordnet wurden, die Umsetzung aber auf den unteren Ebenen erfolgte – in den meisten Fällen ohne sonderliche Skrupel. „Der Anteil der Verwaltungen und Bürgermeister an der Verdrängung der Juden ist nicht zu unterschätzen“, betont Meiners. Besonders bei der Übernahme jüdischen Eigentums „haben sie alle gut zusammengearbeitet“.

Effektiv war diese Kooperation auch im Oldenburger Land. Dass schon 1940 sämtliche Juden aus der Region vertrieben waren, früher als in vielen anderen Gegenden, war zwar auch ihrem vergleichsweise geringen Anteil an der hiesigen Bevölkerung geschuldet – aber ebenso dem besonderen Bestreben der örtlichen Verwaltungen und Parteiführungen, ist Werner Meiners überzeugt.

Fritz und Sara Alexander verließen Ganderkesee am 7. Mai 1940. In dem Hamburger Altenheim lebten sie noch zwei Jahre, bis es aufgelöst wurde. Das Ehepaar, inzwischen 78 und 77 Jahre alt, wurde mit vielen anderen Leidensgenossen in einem jüdischen Haus eingepfercht. Am 15. Juli 1942 folgte die Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt. Sara Alexander starb dort am 26. September 1942, ihr Mann am 27. April 1943.

Stein zum Gedenken

Von den drei Kindern des Ganderkeseer Ehepaares überlebte nur der Sohn Heino, dem 1939 die Ausreise nach England gelang. Er forderte 1946 das von den Eltern unter Druck an die Gemeinde Ganderkesee verkaufte Haus samt Grundstück zurück. Drei Jahre dauerte es bis zur Rückerstattung. 1953 verkaufte Heino Alexander den Besitz wieder an die Gemeinde – diesmal zu einem angemessenen Preis. Wieder zwei Jahre später übernahm eine Bank das Grundstück. Heute befinden sich dort Wohnhäuser. Ein Feldstein mit einem metallenen Davidstern und einer Gedenkinschrift, der in einem kleinen Beet zwischen Fußweg und Straße steht, erinnert Passanten daran, dass hier die jüdische Familie Alexander zu Hause war.

Hergen Schelling
Agentur Schelling (Leitung)
Redaktion Ganderkesee
Tel:
04222 8077 2741

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