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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Kultur

Schulleiter schreibt Fleckengeschichte mit

23.08.2018

Harpstedt Ohne Robert Grimsehl, so viel steht fest, würde es die Redeker-Chronik von Harpstedt nicht mehr geben. 1938 war es, als der Harpstedter Lehrer und spätere Rektor zum Staatsarchiv Hannover fuhr und das bedeutende Werk aus der Geschichte abschrieb – nicht ahnend, dass das Original fünf Jahre später im Zweiten Weltkrieg in der Folge einer Bombardierung in Flammen aufgehen würde. Doch: Wer war dieser Robert Grimsehl, der durch seinen Fleiß ein Stück Harpstedter Geschichte bewahrte, der dem Flecken Theaterstücke oder das Lied „Im Delmetal“ schenkte, der Harpstedts Chöre dirigierte und, und, und? Am Mittwoch zeichnete sein Sohn Dr. Hans-Harald Grimsehl, 92, ein bemerkenswertes Leben nach.

Am 28. August 1890 wurde Robert Grimsehl in Neustadt am Rübenberge geboren. Schon fällt Grimsehl-„Junior“ da eine Geschichte ein: Viel später, im Unterricht in Harpstedt, habe sein Vater einmal gefragt, wer denn am 28. August geboren wurde. Die Schüler antworteten, das sei ihr Lehrer. „Aber das wollte er nicht hören.“ „Goethe“ war doch die richtige Antwort.

Aber zurück zur Biografie. Robert Grimsehl wollte Lehrer werden, besuchte die Präparandenanstalt für angehende Volksschullehrer in Verden an der Aller. Sein Vater, Kämmerer und stellvertretender Landrat in Neustadt am Rübenberge, wollte, dass sein Sohn in Hannover unterrichtet. Doch es kam anders: In Harpstedt war der Kantor verstorben. Weil der junge Lehrer Robert Grimsehl Orgel spielen konnte, wurde er nach Harpstedt versetzt. Das war 1911.

Wohnen im Amtsgebäude

Also bezog Grimsehl seine Dienstwohnung – im ersten Stock des Harpstedter Amtsgebäudes. Auch die Schule habe sich auf dem Amtshof befunden, erläutert sein Sohn. Im Zweiten Weltkrieg, als bei einer Bombardierung auf dem Harpstedter Bahnhof ein Munitionszug in die Luft ging, sei das Gebäude durch die Druckwelle in sich zusammengesackt. Der Unterricht wurde zum Reichsarbeitsdienst (Kiefernweg) verlegt.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg war unter den Schülerinnen des Musikliebhabers Grimsehl eine, die er für sehr begabt hielt – Käthe Nadermann. Nach dem Weltkrieg wurden die Beziehungen der beiden enger. Anfang der 1920er-Jahre heirateten sie.

Wenn der Hauptlehrer Grimsehl in den folgenden Jahrzehnten im Flecken Harpstedt vieles bewegte, dann, so ist sein Sohn überzeugt, hänge das zusammen mit einigen seiner Eigenschaften. Nämlich? „Er hatte das Talent der freien Rede.“ Zweitens sei der Vater ein hochbegabter Klavierspieler gewesen, er konnte vom Blatt spielen, hatte sich mit sämtlichen Opern Wagners oder Sinfonien Beethovens befasst, war auch als Kritiker für die Bremer Nachrichten unterwegs. „Nächtelang“ habe er Klavier gespielt, „am liebsten Brahms“. Auch gab es Hausmusik bei den Grimsehls, die in den 1930er-Jahren an die Grüne Straße zogen. Teils wurde auf den zwei Flügeln achthändig gespielt.

Schmied Remme hilft

Und dann sei da die Schriftgewandtheit gewesen. „Er hat mehrere Theaterstücke geschrieben, die von Harpstedter Bürgern aufgeführt wurden. Alles sei auf Platt verfasst worden – dabei sprach Robert Grimsehl kein Wort Platt. Wenn ihm Bedeutungen unklar waren, habe er Schmied Remme gefragt. Den Stoff für seine Stücke fand er in der Harpstedter Historie.

Nach dem Krieg, als Flüchtlinge und Vertriebene in den Flecken kamen und sich Hürden zwischen Alt- und Neubürgern aufbauten, schrieb er „De Wall mott falln!“. Hans-Harald Grimsehl: „Die Bevölkerung hat das sehr genau verstanden.“

Dass sein Vater „aus dem Handgelenk“ Verse schmieden konnte, sei im Flecken bekannt gewesen. Zum Beispiel für Familienfeiern habe er Texte geschrieben. „Gelegentlich kam auch der Bürgermeister.“

„Es gab kein wesentliches Ereignis in Harpstedt, an dem er nicht irgendwie beteiligt war“, ist Hans-Harald Grimsehl überzeugt. Das wundert nicht: Robert Grimsehl war nicht nur Lehrer, sondern auch Leiter des Gemischten Chores (40 Jahre), der Liedertafel sowie des Schulchores – und amtlicher Heimatpfleger. Als sein Verdienst gilt die Identifizierung des Harpstedter Sonnensteins als bedeutsames Relikt aus der Bronzezeit. Beteiligt war er auch an Ausgrabungen in Wohlde. Eine der dort entdeckten Urnen wurde vor Ort zurückgehalten und dem Amtshof überlassen.

Versetzung ins Moor

Und in der NS-Zeit? Ja, sein Vater sei Mitglied der NSDAP gewesen, weiß Hans-Harald Grimsehl. Als er allerdings nach Stalingrad die Erwartung äußerte, dass der Krieg verloren sei, sei er denunziert worden. Verhaftung, Verhör („Tag und Nacht“), der Rauswurf aus der Partei und eine Versetzung nach Klosterseelte folgten. Weil Grimsehl dort Landfrauen über die Entstehung von Höfen berichtete und damit gegen sein Redeverbot verstieß, sei er erneut verhaftet und diesmal nach Donstorf bei Sulingen („im Moor“) versetzt worden.

Nach dem Krieg wurde Robert Grimsehl von den britischen Besatzern als Ortspolizist eingesetzt. Als Lehrer kam er jetzt nach Harpstedt zurück.

1952, als seine Käthe starb, „erlosch seine Schaffenskraft“, so schildert es sein Sohn. Erst durch die Musik von Schwiegertochter Gisela, eine Opernsängerin, habe er wieder Kraft gefunden. 1955 ging der Pädagoge in den Ruhestand, Ende der 50er-Jahre wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Robert Grimsehl starb 1963.

Karsten Kolloge Harpstedt / Redaktion Wildeshausen
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