• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Kultur

„Ich wollte sie nicht wieder loslassen“

08.07.2017

Harpstedt Das seltene Fest der „Eichen-Konfirmation“ (vor 80 Jahren) feierte Margot Gründler am vorigen Sonntag. An diesem Sonnabend, 8. Juli, erwartet sie Geburtstags-Gäste, denn sie wird 94. Manches in ihrem Leben, so sagt die Harpstedterin heute, „war wohl Gottes Fügung“. Worauf sie anspielt: Margot Gründler ist eine der 1239 Überlebenden der schlimmsten Schiffskatastrophe der Menschheitsgeschichte – der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945 vor der Küste Pommerns. Was da passierte, hat sich fest in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Es kommt oft wieder hoch.“

Ein Bullauge der gesunkenen Wilhelm Gustloff, ausgestellt im Deutsches Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven. BILD: Schifffahrtsmuseum

Fluchtweg für viele versperrt

Die Wilhelm Gustloff diente zunächst als Kreuzfahrtschiff. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie als Lazarettschiff, zum Truppentransport und als Wohnschiff der Kriegsmarine eingesetzt.

Wie hoch die Zahl der Opfer ist, ist nicht genau bekannt. Mehrere Faktoren sollen dazu beigetragen haben, dass so viele Menschen ums Leben kamen. So seien, um eine planlose Flucht vom Schiff zu verhindern, etwa 1000 Menschen mit Gewaltandrohung im Wintergarten festgehalten worden – dessen Fenster aus Panzerglas bestanden und jedes Entkommen verhinderten. Auch habe es zu wenig Rettungsboote gegeben. Und: In der Nacht des Untergangs lag die Außentemperatur bei minus 20 Grad, so dass Boote durch Frost blockiert waren.

Weit weg vom Ort der Tragödie hatte Margot Partke, so ihr Mädchenname, die Kindheit verlebt. In Wiesbaden wurde sie am 8. Juli 1923 geboren, in Lengfurt (Unterfranken) wuchs sie auf. Bei Kriegsbeginn 1939 bekam ihr Vater, ein Finanzbeamter, ein Angebot in Gotenhafen (heute Gdynia, Polen) in der Danziger Bucht. Also zog die Familie um.

Ihre Eltern kehrten 1943 nach Westdeutschland (Heidelberg) zurück. Die mittlerweile 20-Jährige nicht: Sie hatte 1941 Werner Oschenek kennengelernt. Wenige Tage vor dessen Einziehung zum Kriegsdienst im Februar 1942 wurde im Januar geheiratet. Mit Hilfe ihres Schwiegervaters („Der hatte eine Mineralwasserfabrik mit Bierverlag“) kam die junge Ehefrau an ein Reihenhaus mit Luftschutzkeller. Ende 1942 wurde ihr Sohn Wolfgang geboren, im Februar 1944 ihre Tochter Karen.

„So, als wenn ich es gerade erlebt hätte“, sind der heute 94-Jährigen die dramatischen Vorgänge vom Januar 1945 in Erinnerung. Die russischen Truppen rückten näher. Die Gustloff, eigentlich ein Kreuzfahrtschiff, sollte sich an der Flüchtlings-Evakuierung in Richtung Schleswig-Holstein beteiligen.

„Schon drei Tage vor dem 30. Januar hieß es, wir sollten aufs Schiff kommen.“ Die junge Mutter, mittlerweile mit ihrem dritten Kind schwanger, zog mit ihren beiden kleinen Kindern und den Schwiegereltern los. Doch die Gustloff fuhr nicht. „Zu gefährlich“ sei die Fahrt, habe es geheißen. Margot Gründler erinnert sich: Das riesige Schiff, mit „einem großen Roten Kreuz obendrauf“ gekennzeichnet, habe nicht nur Zivilisten an Bord gehabt, sondern auch mehrere hundert Marinesoldaten („eine Unterseeboot-Lehrdivision“), Marinehelferinnen und Munition auf dem Achterdeck. Später sollte dies zu einer Diskussion über die Legitimation der Versenkung führen.

Völlig überfüllt

Am 30. Januar 1945, einem eisigen Wintertag, kurz nach 13 Uhr, legte die Wilhelm Gustloff trotzdem in Gotenhafen ab. Nach Schätzungen drängten sich mehr als 10 500 Menschen an Bord (gebaut war sie für 1463 Passagiere). Dicht an dicht hätten die Flüchtenden in den Sälen gelegen, erinnert sich Margot Gründler. Ihre Familie war in einer Kabine auf dem C-Deck untergebracht.

Gegen 21 Uhr wurde die Gustloff – etwa auf Höhe von Stolpmünde – vom sowjetischen U-Boot S-13 gesichtet. Um 21.16 Uhr ließ dessen Kommandant, Alexander Iwanowitsch Marinesko, aus etwa 700 Metern Entfernung vier Torpedos abschießen. Drei davon hätten die Gustloff mittschiffs getroffen, die relativ schnell Schlagseite bekam, erzählt Margot Gründler. „Wir sind sofort raus, auf die Treppe, wollten nach oben.“ Ohne Schuhe oder Mantel. Auf der Treppe habe sich alles gestaut. Durch ausströmendes Gas seien sie und etliche andere ohnmächtig geworden. „Wir lagen alle auf der Treppe.“

Matrosen seien von oben gekommen, „die haben nur die jungen Frauen und Kinder rausgezogen“. Und ihre Schwiegereltern? Die seien nicht angerührt worden. Margot Gründler hat sie nie wiedergesehen.

Als sie an die frische Luft kam, sei sie aufgewacht. „Ich habe geschrien“, weil sie doch ihre Kinder nicht mehr bei sich gehabt habe, erinnert sich die 94-Jährige. Das erste Rettungsboot, auf dem die Flüchtlinge aus den oberen Sälen auf ein Entkommen hofften, sei so überfüllt gewesen, dass es in der eisigen Ostsee sofort untergegangen sei. „Ein Soldat hat mir ins Gesicht geschlagen“, damit sie aufhörte zu schreien, dann wurde sie in ein Rettungsboot gestoßen. Es sei wohl das letzte gewesen, denkt Margot Gründler. „Da lagen noch Schnee und Eis drauf.“

Weil keine Paddel da waren, sei versucht worden, das Rettungsboot mit Stangen von der sinkenden Gustloff abzustoßen. Oben auf dem Schiff habe sie erhängte Soldaten gesehen – sie vermutet, dass sie versucht hatten, sich zu retten, also zu desertieren.

Die Hoffnung bleibt

Die Besatzung des Rettungsbootes sei schließlich vom Torpedoboot Löwe, das die Gustloff begleitet hatte, aufgenommen worden. Da habe sie, auf den Armen einer anderen Frau, einer Gastronomin aus Gotenhafen, ihre elf Monate alte Karen wiedergesehen. „Ich habe sie so an mich gedrückt, ich wollte sie nicht wieder loslassen.“ Ihren Sohn Wolfgang, damals zweieinviertel, habe sie nicht wiedergefunden. Er sei „vermisst“, hofft sie bis heute, dass er überlebt haben möge.

Freilich: Der Albtraum war für die damals 21-Jährige noch nicht zu Ende. Die Flucht mit ihrer Tochter führte zunächst nach Kolberg, wo sie und Karen in einem bereits evakuierten Kinderheim unterkamen und Kleidungsstücke erhielten („das waren Lumpen“). Mit zwei anderen Frauen seien sie „ausgebüxt“, hätten in einem Güterzug mit Rückkehrern von der Front mitfahren dürfen.

Von einem Offizier erhielt sie die Adresse von dessen Mutter in Halle, mit der Bitte, ihr ein Lebenszeichen zu senden. In Halle hätten sie und Karen zwar echte Unterstützung erfahren – gerieten aber in den größten Bombenangriff, der jemals über der Stadt niederging. Als sie aus dem Keller kamen, „waren alle Häuser in der Umgebung zerstört, nur unseres nicht“.

Noch im Februar 1945 wurde Margot Gründler von ihrer Mutter nach Heidelberg geholt. Am 18. Juni kam dort ihr zweiter Sohn zur Welt. Sie nannte ihn Egmont – in Anlehnung an das gleichnamige Drama von Goethe.

Karsten Kolloge Harpstedt / Redaktion Wildeshausen
Rufen Sie mich an:
04431 9988 2706
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.