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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Kultur

Integration in Person

22.08.2015

Sie schätze ihr Leben hier „jeden Tag immer wieder“, erzählt mir Sandra Baba (47). Kein Wunder, denn es gab eine Zeit, wo sie sich jeden Morgen fragte: „Überstehe ich den Tag?“.

Aufgewachsen ist Sandra Baba in Bagdad, der Hauptstadt des Irak. Sie war das fünfte von sechs Kindern. „Wir haben zusammen mit den Nachbarskindern fast nur auf der Straße gespielt“, erinnert sich Sandra Baba. Sie hatte das Glück, dass ihre Eltern eine liberale Einstellung hatten. Bildung für ihre Kinder und gerade für die fünf Töchter war ihnen sehr wichtig. „Eine Freundin von mir wurde verheiratet, als sie gerade zwölf Jahre alt war“, berichtet mir Sandra Baba.

Mit großer Leidenschaft spielte sie Volleyball. Auch hier war Sandra eine Ausnahme, denn viele Eltern erlaubten ihren Töchtern den Sport nicht. Sandra Baba machte 1988 ihr Abitur, und da sie Sprachen gern mochte, entschied sie sich, Deutsche Literatur zu studieren. „Deutsche Firmen hatten bei uns einen guten Ruf, und mein Gedanke war, vielleicht einmal bei einer deutschen Firma in Bagdad arbeiten zu können.“

Während ihres Studiums lernte sie ihren Ehemann kennen. 1992 wurde geheiratet und beide wohnten, wie es im Irak üblich war, bei den Schwiegereltern. Obwohl Sandra zu den Besten in ihrem Studienjahrgang gehörte, wurde ihr ein Stipendium verwehrt. „Ich war nicht aktives Mitglied in der Baath-Partei!“ 1995 und 1998 wurden ihre Kinder Jean und Yousif geboren.

Immer mehr litt Sandra unter der Situation, dass sie ihre Meinung nie öffentlich sagen durfte. Das Regime im Irak duldete keine Kritik und unterdrückte das Volk. Ihr Ehemann arbeitete in Libyen als Lehrer, und mit der Einwilligung ihrer Familie, begab sie sich im November 1999 in die Hände sogenannter „Schlepper“. Zusammen mit ihren beiden kleinen Kindern wollte sie das Land verlassen.

Nur mit Rucksack, einem Koffer und einem Buggy für den 14 Monate alten Yousif fuhr der Schlepper Sandra und die Kinder mit dem Auto heimlich durch den Irak. Nach einigen Wochen hatten sie den Norden des Landes und die Grenze erreicht. „Hätten sie uns erwischt, wäre es für mich und meine beiden Kinder sehr gefährlich geworden“, das war Sandra klar. Gefahren wurde meistens in der Nacht. Die Schlepper waren Profis mit den nötigen Kontakten. Das Geld für die organisierte Flucht hatte sie von ihrer Familie bekommen.

Nach einer wahren Odyssee durch mehrere Länder kamen Mutter und Kinder Ende Dezember 1999 in Düsseldorf an. Sie wurden auf einem Schiff untergebracht, auf dem noch andere Flüchtlinge waren. „Es waren die schlimmsten Tage meines Lebens. Meine Tochter meinte, wir wären in einem Gefängnis“, schildert Sandra diese Zeit. „Ich habe nie geweint, meinen Kindern gegenüber wollte ich stark sein. In Freiheit und Sicherheit leben, für dieses Ziel habe ich alles in Kauf genommen.“

Nach zwei Tagen wurden die Flüchtlinge auf andere Unterkünfte verteilt, und Sandra hatte das große Glück, nach Oldenburg zu kommen. „Wo ist Oldenburg?“, war ihre erste Reaktion. Zum Glück nicht weit von Bremen, denn dort lebte eine Freundin ihrer Schwester, die Sandra zu Silvester einlud.

Ihre Deutschkenntnisse hatte sie mit den Jahren wieder verlernt, da sie aber sehr gut Englisch sprechen konnte, wurde sie als Dolmetscherin eingesetzt. Nach zwei Monaten in Oldenburg wurde Familie Baba eine neue Unterkunft zugewiesen: in der etwas abgelegenen Ortschaft Hollen in der Gemeinde Ganderkesee. Einkaufen in Ganderkesee war nur mit dem Fahrrad möglich – das war ein Problem, weil in der arabischen Kultur die Frauen nicht Fahrrad fahren.

Mit dem Frühling 2000 wurde es auch für die junge Familie Baba langsam besser. Sie bekam eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, und im Sommer konnten Sandra und ihre beiden kleinen Kinder endlich in eine eigene Wohnung in Ganderkesee ziehen. „Ich bin immer auf die Menschen zugegangen, das hat mir in vielen Situationen geholfen“, verrät sie mir. Nachbarn passten zum Beispiel auf ihre Kinder auf, damit sie zur Volkshochschule gehen konnte, um besser Deutsch zu lernen.

Zunächst verdiente sie ihren Unterhalt als Kellnerin und Kassiererin in einem Kaufhaus. 2001 schaffte ihr Ehemann die Flucht aus dem Irak, später auch ihre Mutter. „Meine Mutter lebt ebenfalls in Ganderkesee, und auch von meinen Geschwistern lebt niemand mehr im Irak.“

Da ihr Studium hier nicht anerkannt wurde, studierte Sandra noch einmal in Oldenburg – Germanistik und Sozialwissenschaften. Integration hat sie zu ihrem Beruf gemacht: Zunächst unterrichtete sie Deutsch als Fremdsprache an der Volkshochschule. Jetzt ist sie bei der Diakonie als Flüchtlingssozialarbeiterin angestellt. Sandra Baba hat mich tief beeindruckt, denn ihr ist die Integration in Deutschland gelungen – auch wenn der Weg dorthin sehr hart war.

Sandra Baba,Flüchtlingssozialarbeiterin des Diakonischen Werkes Delmenhorst/Oldenburg-Land

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