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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Kultur

Letzte Ruhe unter Birken und Buchen

11.05.2013

Hude „Meine Mutter ist tot. Jetzt bin ich Vollwaise.“ Heinz Weißgerber sagt das fast ein bisschen erstaunt – so als würden diese Worte zum ersten Mal seinen Mund verlassen. Vielleicht ist das auch so. Viel Zeit für Trauer war bisher nicht. Telefonate mit dem Bestatter, die Wohnungsauflösung, haufenweise Papierkram musste erledigt werden. Erschöpfung ist dem 66-Jährigen trotzdem nicht anzusehen. Seine Haut ist gefärbt von der Mai-Sonne, die Haare vom Radfahren zerzaust. Er lächelt. Nein, wie einer, der gerade seine Mutter beerdigt hat, sieht Heinz Weißgerber wirklich nicht aus. „Das war eh nur Asche“, sagt er. Und die liegt ab sofort unter seinem Baum.

Der Baum ist eine Buche, und für 99 Jahre gehört sie Heinz Weißgerber. Unter ihren Wurzeln ist bereits die Asche seines Vaters und der Schwiegermutter vergraben. Freunde und Bekannte, die Ehefrau – und eines Tages er selbst – werden hier irgendwann liegen. Umringt von Birken, Fichten und Linden, die auf der 34 Hektar großen Forstfläche im Friedwald Hasbruch weiterleben, wenn die Menschen schon lange gestorben sind.

Für eine Naturbestattung hat sich der ehemalige Lehrer vor vielen Jahren entschieden. „Eigentlich wollte ich ganz in Ruhe nach einem Baum suchen – aber dann ist vor sechs Jahren meine Schwiegermutter gestorben, und plötzlich musste alles schnell gehen“, erinnert er sich. Für 4500 Euro hat er dann den Baum mit zehn Liegeplätzen gepachtet. Einmal in der Woche besucht er sie: Seine Buche, nicht die Toten unter ihren Wurzeln. „Die Leben in den Erinnerungen weiter“, sagt der 66-Jährige. Zwischen Sonntagsspaziergängern, Joggern, tobenden Kindern, Hundebesitzern und schimpfenden Spechten findet er „einen Platz der Ruhe, nicht der Trauer“. Manchmal legt Heinz Weißgerber die Arme um den Stamm der Buche und hält sich fest an dem, was bleibt.

Kein Sarg für die Toten

„Der Leichnam ist in drei bis fünf Jahren vermodert“, sagt Heino Tielking. „Dann wird der Tote zu einer Tanne oder einer Eiche, ist das nicht schön?“ Der 70-Jährige ist einer von drei Förstern, die im Auftrag der Friedwald GmbH für den Standort Hasbruch verantwortlich sind. Die Möglichkeit, hier bestattet zu werden, gibt es seit neun Jahren. Dass es überhaupt eine Alternative zu Friedhöfen mit Särgen und Grabsteinen gibt, wurde in Deutschland erst vor gut einem Jahrzehnt erlaubt. „Erfunden“ hat das Konzept der Schweizer Uli Sauter Ende der 1990er Jahre. Inzwischen gibt es mehr als 45 Friedwälder in Deutschland. Wer sich für eine Naturbestattung entscheidet, verzichtet auf einen Sarg. Der Leichnam, so schreibt es das Gesetz vor, muss kremiert und in einer biologisch abbaubaren Urne aus Holz oder Cellulose beigesetzt werden.

Heino Tielking hat diese Aufgabe inzwischen rund 800-mal übernommen. Er weiß: Trauer hat viele Gesichter und Farben. Vielleicht mehr als der Wald. „Die Beisetzung gestalten wir nach individuellen Wünschen. Von ganz stillen Feiern bis zur ausgelassenen Stimmung, begleitet von Trauerchor, Dudelsackmusik, Blaskapellen, Blockflöte, Pastoren oder Rednern. Ohne Gäste oder mit 200 Besuchern“, erzählt er.

„Einen großen Tierfreund haben wir im Kreis seiner 30 Hunde beerdigt. Ein leidenschaftlicher Raucher hat sich gewünscht, dass an seinem Grab noch mal ordentlich gequalmt wird, und eine ältere Dame hinterließ die Bitte, ihre Angehörigen mögen ein Gläschen guten Rotwein auf sie trinken – ich habe schon alles erlebt“, sagt der Förster im Ruhestand. Ob gläubiger Christ, Jude, Muslim oder überzeugter Atheist – die Stimmung richte sich meist nach den Todesursachen. „Ein Kind wird mit anderen Gefühlen beigesetzt, als einer, der sein Leben gelebt hat.“ Unter den „Sternschnuppenbäumen“, den drei Birken, finden 21 Kleinkinder und Babys ihren Frieden. Die Birke gilt als „Baum der Jugend“.

Entscheidung fällt früh

An einigen Stämmen sind Plaketten angebracht. Namen, Sprüche und Verse geben Auskunft über den verstorbenen oder noch lebenden Besitzer. „Die Hälfte der Menschen entscheiden sich lange vor ihrem Tod für den Friedwald“, sagt Tielking. „Einmal waren hier drei Damen aus Hannover, die wollten erstmal Probeliegen unter ihrem Stamm“, erinnert sich der 70-Jährige.

Birke, Ahorn, Esche, Ilex, 170-jährige Eichen: der Förster hilft bei der Auswahl der Bäume, begleitet die Führungen und weiß, was zu tun ist. Für den Wald und für die Menschen. Aber auch, dass das Leben nicht immer planbar ist: „Eine alte Frau, die für sich einen Baum ausgesucht hat, musste zu erst ihren Enkel hier begraben.“

Wie auf einem Friedhof sieht es im Hasbruch nicht aus. Im Sommer ist alles grün, der Herbst färbt die Blätter bunt, und im Winter trösten die Nadelbäume knorrige Äste und traurige Besucher. Wer wo liegt, wissen neben den Angehörigen nur die Förster. Mal weht der Wind Stimmengewirr und Lachen, mal Tränen und Trauerlieder durch das Laub. „Hier wird auch gefeiert. Einmal haben hier neun Leute zusammen gesessen, Butterkuchen gegessen und gelacht. Der Zehnte hätte Geburtstag gehabt und lag unter dem Baum“, erinnert sich Heino Tielking.

Ort für Gedanken

Nicht immer geht es fröhlich zu. Daran hat sich der Förster gewöhnt. Es gehört dazu. Mit seiner Arbeit helfen zu können, gleiche vieles aus, was schwer ist, sagt er. Zu tun gibt es für ihn und seine Kollegen viel: Eine Friedwald-Bestattung ist längst zur gängigen Alternative gewachsen. Im Hasbruch wird derzeit vergrößert, um mehr Platz für all die Interessenten zu schaffen.

Für Tielking liegen die Ursachen auf der Hand: „Ob Grabstein, Nordsee oder eben ein Baum – die Menschen brauchen einen Bezugspunkt, einen Ort, an dem sie ihren Gedanken nachgehen können.“ Das sei, noch vor den begrenzten Liegezeiten von 20 Jahren auf Friedhöfen und der Last mit der Grabpflege, der Hauptbeweggrund, sich für den Friedwald zu entscheiden. Hinzu kämen viele individuelle.

Heinz Weißgerber, für den seine Buche kein Grab ist und die Asche darunter nicht seine Eltern sind, sagt: „Das, was man Seele nennt, lebt in unseren Köpfen weiter.“ Und dann, mit einem Mal, wird er ganz still. Doch: Er trauert. Auf seine Art: Nicht, als die Mutter tot im Bett lag, auch nicht, als Heino Tielking ihm die Urne überreicht und er sie selbst beerdigt hat. „Abschied habe ich schon früher genommen, in den Monaten der Krankheit. Die eigentliche Trauerarbeit kommt später“, überlegt er. Zum Beispiel als er das Zimmer im Pflegeheim ausgeräumt habe.

„Die Lampe, die meiner Mutter Licht gegeben hat, mein alter Schrank und diese Jacke, die ich ihr immer zum Spazierengehen angezogen habe und die sie nie wieder tragen wird.“ Das alles muss jetzt in den Müllcontainer. Entsorgte Vergangenheit. „In diesem Moment habe ich es begriffen“, sagt der 66-Jährige: „Meine Mutter ist tot. Jetzt bin ich Vollwaise.“

Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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