Ganderkesee/Immer - Sie steht in der Kritik und ist ein Auslaufmodell: die intensive Nutztierhaltung, wie sie noch häufig auf Höfen in Deutschland anzutreffen ist. „Die örtlichen Landwirte sind engagiert, wollen bessere, tierwohlgerechtere Bedingungen schaffen und sie haben das auch schon getan“, betont der Ganderkeseer Ortslandvolkvorsitzende Ronald Bredendiek.
Der Umbau der Höfe für eine bessere Haltung koste aber nicht nur viel Geld – auch das Baurecht bzw. die Baubehörden im Kreis Oldenburg kämen nicht immer hinterher. Allem voran treibe eines die Landwirte um: Das Vertrauen in die Politik sei verloren gegangen, es fehle die langfristige Planungssicherheit.
Kleine Höfe unter Druck
Unter welchem Transformationsdruck gerade kleinere Höfe durch den Umbau der Landwirtschaft stünden, stellte Bredendiek am Mittwoch in Immer der örtlichen Bundestagsabgeordneten Susanne Mittag (SPD) gemeinsam mit der dort ansässigen Landwirtsfamilie Wachtendorf vor. Die Familie betreibt neben Rinderhaltung und einem Hofladen auch eine Gänsemast.
Haben Freigang: Gänse auf dem Hof Wachtendorf in Immer.
Thorsten Konkel
Diskutierten auf dem Hof Wachtendorf über Tierhaltung: (von links) Ulf Moritz, (Ganderkeseer SPD–Fraktionschef) Werner Wachtendorf, die Bundestagsabgeordnete Susanne Mittag (SPD), Cord Schütte (CDU-Ratsherr und stellv. Bürgermeister) sowie Kai Wachtendorf.
Thorsten Konkel
Bullenhaltung auf dem Hof Wachtendorf in Ganderkesee-Immer
Thorsten Konkel
Mit dem Hofladen hat sich die Familie Wachtendorf (hier Alke Wachtendorf) ein weiteres Standbein geschaffen.
Thorsten KonkelKommt die Weihnachtsgans künftig also aus schlechter Haltung aus dem Ausland? Diese Sorge scheint nicht unbegründet: „Wir halten seit 35 Jahren Gänse, hatten 40 Jahre lang Puten, führte Seniorchef Werner Wachtendorf ins Thema ein. Ein neuer Putenstall für 4000 Hennen sei erst 2013 gebaut und auf 20 Jahre finanziert worden. „Puten gibt es nicht mehr. Seit 2022 stehen hier nun 19 Wohnmobile“, stellte Sohn Kai ernüchtert fest. Für die Familie ist’s ein Nullsummenspiel: „Die Mieterträge erlösen gerade die Stallfinanzierungskosten“, verriet er. Angesichts des Preisniveaus lohne sich die Putenmast nicht mehr. Auch bei Schweinen sehe es kaum anders aus. Von einigen Hundert sind aktuell zehn für die Verarbeitung im Hofladen übriggeblieben. „Von einmal 20 Sauenhaltern gibt es noch zwei“, fasste Bredendiek das in Zahlen auf Gemeindeebene zusammen. Und 50 Mastbullen halten Wachtendorfs noch.
Die Familie hat ihren Betrieb immer wieder angepasst und neu aufgestellt. Auch in Sachen Tierwohl: „Das ist nicht leicht, wenn wir nur ein Loch in die Stallwand schlagen wollten, um Tieren Auslauf nach draußen zu geben, bräuchten wir eine neue Baugenehmigung“, sagte Werner Wachtendorf.
Private Tierwohllabel gibt es mehrere, aufgelegt unter anderem von der Initiative Tierwohl (ITW). Auch das Haltungssystem des Lebensmitteleinzelhandels „QS“ geht in diese Richtung. Darüber hinaus ist die Einführung einer verpflichtenden staatlichen Tierhaltungskennzeichnung beschlossene Sache. Droht wegen der staatlichen Tierhaltungskennzeichnung kleinen Höfen der Tod? Denn wirklich finanziell kompensieren könnten die Landwirte die Mehrkosten der Produktion letztlich nur über höhere Preise. Doch wie realistisch ist das?
Werner Wachtendorf verwies auf immer mehr Masse auf dem Markt durch multinationale Freihandelsabkommen und staatliche Subventionen: „In Polen und jetzt auch in der Ukraine wird enorm ausgebaut.“
Mittag setzte auf das Qualitätsversprechen an die Verbraucher durch die Tier-Label-Initiative der Ampel-Koalition, die Druck in Kantinen oder Restaurants erzeugen werde. Künftig müsse auch dort die Fleischherkunft ausgewiesen werden. Mittag: „Höhere Fleischpreise landen bei den Landwirten.“ Bauern sollten zudem dauerhaft für ihren Mehraufwand entschädigt werden, auch Kredite werde es für Stallumbauten geben.
Frage des Geldes
Ob angesichts der Haushaltskrise genügend Geld da ist, zweifelte der stellvertretende Bürgermeister Cord Schütte (CDU), selbst Landwirt, an. Mittag zerstreute Ängste, Finanzierungen seien nur kurzfristig angelegt. Landwirte könnten einen Zehnjahresvertrag mit dem Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung schließen.
Das Programm sei gezielt auf den Mittelstand und kleinere Höfe zugeschnitten, warb sie um verlorenes Vertrauen in die Politik. Die neue Kennzeichnung werde nicht zum Höfesterben führen: „Das Labeling kommt, kein Landwirt wird gezwungen, seine Ställe umzubauen.“ Preiserhöhungen seien für die meisten Verbraucher machbar. „Die Gans ist ein Luxusprodukt“, meinte Werner Wachtendorf. Aktuell koste das Kilo Festtagsbraten bei ihm 16,96 Euro.
