Stenum - Wer sich vor seinem inneren Auge das Umfeld einer Klinik mit internationaler Patientenschaft vorstellt und dann die Orthopädie-Fachklinik in Stenum kennenlernt, der dürfte sich einigermaßen wundern: auf der einen Seite ein urwüchsiger Wald und ein Landgasthof, auf der anderen Wiesen mit muhenden Milchkühen. Da kann es schon einmal vorkommen, dass sich plötzlich ein neugeborenes Kalb auf dem Klinik-Parkplatz ausruht, wie vor wenigen Tagen geschehen.
Der Name der evangelischen Freikirche der Mennoniten leitet sich von dem aus Friesland stammenden Theologen Menno Simons ab, der im 16. Jahrhundert lebte. Ihre Wurzeln haben die Mennoniten in den Täuferbewegungen der Reformationszeit. Verfolgungen und Beschränkungen in Europa führten im 18. und 19. Jahrhundert zu Auswanderungen nach Osteuropa und Nordamerika. Heute ist die Freikirche weltweit verbreitet.
Der Lebensstil der Mennoniten gilt als konservativ und weltabgewandt. Tatsächlich gibt es aber auch moderne und liberale Gemeinschaften innerhalb der Freikirche. Das Glaubensverständnis der Mennoniten basiert auf der Bergpredigt, daraus resultiert auch ihr Engagement für den Frieden und den Gewaltverzicht. Die Gemeinden sind demokratisch verfasst, finanziert werden sie über freiwillige Beiträge.
Die Patienten schätzen das dörfliche Umfeld. Nicht selten spazieren mitgereiste Angehörige über den benachbarten Hof der Familie Himmelskamp. Jan Himmelskamp kann nach eigener Aussage kaum noch zählen, wie viele Einladungen aus Nordamerika er inzwischen erhalten hat. Insbesondere unter Angehörigen der Glaubensgemeinschaften der Amischen und der Mennoniten, bei denen die Klinik Stenum einen guten Ruf genießt, hat sich herumgesprochen, dass der Landwirt nebenan gern Einblicke in seine Arbeit gewährt.
Zwei Operationen
Das hat auch David Bearinger festgestellt, dessen Ehefrau Vera sich in der vorigen Woche in Stenum zwei Bandscheiben-Operationen unterzogen hat. Eigentlich lebt das Mennoniten-Paar in der Nähe von Toronto im Südosten Kanadas. Seine eigene Farm, auf der vor allem Rindermast betrieben wird, hat Bearinger vor fünf Jahren an seinen Schwiegersohn übergeben. Sein Interesse an der Landwirtschaft ist geblieben. Während des Krankenhausaufenthalts seiner Frau hat der 67-Jährige deshalb immer wieder auf dem Hof Himmelskamp vorbeigeschaut.
Obwohl er in seinem Alltag weitgehend ohne technische Hilfsmittel auskommt, ist David Bearinger von den großen Maschinen auf dem Hof Himmelskamp fasziniert. (Bild: Karoline Schulz)
Größenmäßig sei der Stenumer Milchviehbetrieb, in dem auch die Nachzucht aufgezogen sowie Ackerbau und Grünlandbewirtschaftung betrieben wird, mit seiner Farm vergleichbar, schätzte Bearinger. „Nicht alles in den USA und Kanada ist riesig“, sagte er lachend in einem Mix aus Englisch und einem Deutsch, das an Platt- und Schweizerdeutsch erinnert. Als extrem groß und beeindruckend empfand Bearinger unterdessen die eingesetzten Maschinen. „David kam auf den Hof, als gerade ein Lohnunternehmer mit dem Maishäcksler anrückte“, erklärte Jan Himmelskamp.
Verzicht auf Technik
Die Landwirtschaft hier sei „zehn bis zwanzig Jahre weiter“, befand Bearinger. Obwohl die Mennoniten den technischen Fortschritt nur wohldosiert in ihr Leben lassen, interessiert sich der ehemalige Landwirt sehr für die Maschinen auf dem Hof und wollte am liebsten auch noch einen Landmaschinenhandel in Wildeshausen besuchen. Zu Hause sei er noch mit Pferd und Wagen unterwegs. Auf TV, Radio und Smartphone verzichten er und seine große Familie, die aus sechs Kindern und 34 Enkeln besteht. Aber ein Haustelefon gebe es.
Aufgefallen ist dem 67-Jährigen neben dem Maschinenpark und den soliden Weidezäunen mit dicken Eichenpfosten auch die Bauweise der Hofgebäude. In Stenum sei alles „für die Ewigkeit gebaut“, aus Ton und Klinker. „Faszinierend! Bei uns würde das nicht mehr so gerade dastehen“, sagte David Bearinger, während er auf ein mehrere Jahrzehnte altes Stallgebäude deutete.
Hoffen auf Heilung
Von ihrer Reise nach Deutschland, die immerhin den ersten Flug ihres Lebens bedeutete, erhoffen sich David und Vera Bearinger Linderung eines langen Leidens. 25 Jahre lang musste die 66-jährige Vera heftige Rückenschmerzen erdulden, zwei Operationen in ihrem Heimatland brachten nur kurzzeitig Besserung. Über Freunde erfuhren die beiden schließlich von den Behandlungserfolgen in Stenum. Anders als bei Medizinern in den USA seien sie hier mit ihrem Problem „mit offenen Armen empfangen“ worden, erzählte David Bearinger. Sofern die Nachsorge wie geplant verläuft, werden die beiden Ende September den zweiten Flug ihres Lebens antreten – zurück nach Kanada. Vera Bearinger dann hoffentlich endlich ohne Schmerzen.
