Ganderkesee - Knapp elf Millionen Tonnen Lebensmittel werden pro Jahr in Deutschland weggeworfen, etwa 60 Prozent davon in Privathaushalten. Was unkonkret klingt, kann jeder im Portemonnaie spüren. „Etwa 250 bis 300 Euro pro Person kosten weggeschmissene Lebensmittel im Jahr“, sagt Claudia Kay-Rudhardt vom Regionalen Umweltbildungszentrum (RUZ) Hollen. Bei Lebensmitteln im Müll entstehen neben den wirtschaftlichen Kosten aber noch weitere Probleme. Durch die Produktion, Verpackung und den Transport werden Ressourcen verbraucht, ökologische Probleme werden verschärft. Bei über 700 Millionen hungernden Menschen weltweit ist es für Kay-Rudhardt außerdem auch ein ethisches Problem, wenn Lebensmittel in der Tonne statt auf dem Teller landen.
Doch was kann man dagegen tun? Beim RUZ Hollen gibt es das inzwischen bundesweit umgesetzte Projekt „Wirf mich nicht weg“, bei dem vor allem Grundschüler in Workshops Wertschätzung für Lebensmittel lernen sollen und Tipps zur Vermeidung von Essensabfällen kennenlernen. Diese Tipps und weitere Informationen werden inzwischen aber auch an Erwachsene vermittelt, sagt Kay-Rudhardt, etwa über Instagram oder einen Podcast.
Essen retten per App
Ein anderes Mittel gegen Lebensmittelverschwendung findet sich im Einzelhandel, auch in Ganderkesee. Laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft fallen dort sieben Prozent des Lebensmittelabfalls an, das entspricht etwa 800.000 Tonnen im Jahr. Lebensmittel, die kurz vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stehen und genießbar sind, werden deshalb zunehmend weiterverbreitet. Neben Institutionen wie den Tafeln gibt es schon seit vielen Jahren Foodsharing-Gruppen, die nicht mehr verkaufbare Lebensmittel abholen und weiterverteilen. Inzwischen versuchen Händler, noch weitere Wege zu gehen. Über die App „Too good to go“ (sinngemäß „Zu gut zum Wegtun“) können Supermärkte, Bäckereien oder andere Geschäfte Lebensmittel-Tüten anbieten. Nutzer der App können sich dann für bestimmte Zeiten anmelden und die Tüten zu einem reduzierten Preis kaufen. Sie wissen dann vorher, ob es sich etwa um Backwaren oder Obst handelt, aber nichts Genaueres. Famila und die Bäckerei Müller Egerer beteiligen sich in Ganderkesee an der App, aber auch einige Tankstellen bieten Tüten mit Backwaren an.
Oft landet Essen im Müll, weil es schlecht geworden ist oder schimmelt. Claudia Kay-Rudhardt vom RUZ Hollen hat ein paar einfache Tricks, damit das seltener passiert. Ein Hauptgrund sei falsche Lagerung.
Äpfel sollten nicht mit anderem Obst gemeinsam lagern, weil diese sonst schneller schlecht werden.
Die verschiedenen Temperaturzonen im Kühlschrank richtig nutzen. Gemüse sollte in die Gemüsefächer, Molkereiprodukte in die Mitte. Feste Plätze im Kühlschrank haben auch den Vorteil, dass nichts übersehen wird, sagt Kay-Rudhardt.
Einkaufszettel und Planung können helfen, nicht zu viele Lebensmittel zu kaufen.
Retter-Tüten
Die Verbrauchermarktkette Inkoop aus Delmenhorst hat auch bei „Too good to go“ mitgemacht, sich inzwischen aber davon getrennt. Das Unternehmen setzt in seinen Filialen im Kreisgebiet dennoch weiterhin auf das Konzept der „Retter-Tüten“. „Kunden ohne die App waren ausgeschlossen. Wir haben uns selbstständig gemacht, damit alle die Tüten kaufen können“, sagt Inkoop-Geschäftsführer Bernd Oetken. In verschiedenen Tüten gibt es vormittags Obst und Gemüse, abends Backwaren oder mittags Überraschungstüten mit verschiedenen Produkten aus dem Sortiment. „Das sind alles verzehrfähige Lebensmittel kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum, aber deutlich günstiger“, sagt Oetken. Die Tüten kosten 5 Euro und sind so beliebt, dass sie oft schnell vergriffen sind. Auch saisonale Ware für Weihnachten oder Ostern kann so nach dem Fest noch günstig weiterverkauft werden. „Der Schoko-Weihnachtsmann ist nach Weihnachten genauso gut wie vorher, nur kauft ihn niemand mehr“, sagt Oetken. Zu schade zum Wegwerfen ist er aber trotzdem.
