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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Lokalsport

Faustballerin Dagmar Spille Aus Brettorf: „Der Sport hilft, Grenzen zu überwinden“

07.08.2020

Brettorf 1988 in Schwerin: 16 Jahre hat, nach einem Beschluss des SED-Politikbüros, keine Faustballmannschaft der DDR mehr an internationalen Titelkämpfen teilgenommen. Doch das soll sich Ende der 1980er Jahre ändern. „Im Rahmen unserer Städtepartnerschaft mit Wuppertal sollten wir zu einem internationalen Vergleich im Westen starten“, erinnert sich Dagmar Spille.

Die Zuspielerin ist damals 25 Jahre alt, trägt noch den Nachnamen Stammann und läuft für die Betriebssportgemeinschaft (BSG) Lokomotive Schwerin auf. Als amtierender Hallenmeister der Frauen ist die BSG in den internationalen Sportkalender der DDR für das Jahr 1988 aufgenommen worden – und soll zu einem Vergleichsspiel in die Bundesrepublik Deutschland reisen.

Absage aus Wuppertal

Wirft einen Blick in die Berichte von früher: Dagmar Spille

„Unsere Vorbereitungen liefen auf Hochtouren – intensives Training und einige Seminarstunden in Politik waren bereits absolviert – als aus Wuppertal eine Absage kam“, erinnert sie sich. Der erste internationale Auftritt eines Damenteams aus der DDR in der Bundesrepublik droht zu platzen und lässt enttäuschte Spielerinnen zurück. „Wir hatten uns damit abgefunden, nun doch nicht zu den wenigen Sportlern einer nichtolympischen Disziplin zu gehören, die ins westliche Ausland durften.“

Zur Person

Dagmar Spille (geb. Stam­mann) (56) stammt aus einer Faustballfamilie aus Schwerin. Mit sechs Jahren begann sie mit dem Faustballspielen bei der BSG Lokomotive Schwerin. Ihr Vater Horst war zu dieser Zeit Trainer in Schwerin, ihre Mutter Renate hat 1957 zwei Spiele für die DDR-Nationalmannschaft absolviert. Bis zur Wende gewann Dagmar Spille mit Schwerin drei DDR-Meisterschaften der Frauen.

Doch dann geht alles ganz schnell: Innerhalb weniger Wochen werden die Planungen wieder aufgenommen. Das Ziel ist nun nicht Nordrhein-Westfalen sondern das niedersächsische Brettorf, von dem bis zu diesem Zeitpunkt keine der Spielerinnen jemals etwas gehört hatte. Dafür verantwortlich ist Heino Kreye. Dieser hatte den TV Brettorf bereits 1986 in den Internationalen Faustballkalender aufnehmen lassen. „An die Bewerbung hatte schon niemand mehr gedacht, als wir die offizielle Information erhalten haben, dass ein Vergleich mit einer Frauenmannschaft aus Schwerin möglich wäre“, erinnert sich Ralf Spille, der zu dieser Zeit 2. Vorsitzender im TVB ist.

Empfang in Brettorf

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Erste Gespräche: Sportlerinnen aus BRD und DDR tauschten sich im Brettorfer Vereinsheim aus.

Neun Schweriner Spielerinnen, ihr Trainer und weitere Delegationsmitglieder machen sich Pfingsten 1988 auf den Weg in das Dorf mit 700 Einwohnern im Landkreis Oldenburg. „Keiner von uns wusste, was ihn so genau erwartet – nur eines war klar: Ein Sieg war Pflicht“, erzählt Dagmar Spille. Am Freitagnachmittag trifft der Bus aus der DDR in Brettorf ein. Nach einem Empfang absolvieren die Spielerinnen noch eine kurze Trainingseinheit – ehe einen Tag später, am 20. Mai 1988, die Spiele der ersten und zweiten Mannschaften beider Vereine auf dem Programm stehen.

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Das Spiel der zweiten Mannschaften gewinnt Brettorf – und sieht kurz darauf auch im Hauptspiel beim Stand von 2:0 wie der sichere Sieger aus. „Wir sind mit den druckvollen Angriffen und der Linksschlägerin aus Brettorf überhaupt nicht zurechtgekommen“, berichtet Dagmar Spille. Nach Wechseln auf beiden Seiten – bei Schwerin kommt die nach einer Meniskusverletzung gerade wiedergenesene BSG-Zuspielerin in die Partie – dreht das Team aus der DDR das Spiel aber noch in einen 3:2-Sieg.

Besonderes Publikum

Gemeinsames Foto: Die Mannschaften aus Brettorf (hinten) und Schwerin.

„Uns ist ein großer Stein vom Herzen gefallen“, sagt Spille, die besonders vom Brettorfer Publikum beeindruckt ist: „Die Begeisterung der Zuschauer für uns war einmalig. Wir konnten ihre Herzlichkeit spüren, und man hatte sogar das Gefühl, dass man uns den Sieg in gewisser Weise gegönnt hat.“

Neben den sportlichen Wettkämpfen stehen für die Gäste aus der DDR ein Besuch im nahen Bremen und ein offizieller Empfang der beiden Delegationen durch die Gemeinde Dötlingen an. Zum Ende des Besuches schwindet auch die anfängliche Zurückhaltung auf beiden Seiten. „Auf der Rückfahrt hatten wir eine Menge Eindrücke von drei erlebnisreichen, aufregenden Tagen und die Gewissheit, dass der Sport Grenzen überwinden hilft“, blickt Dagmar Spille zurück.

Gegenbesuch 1990

Das Plakat zum Gegenbesuch in Schwerin.

Und: Ein Gegenbesuch ist bereits geplant. Der TV Brettorf wird für das Jahr 1990 wieder in den Sportkalender eingetragen, um zum Rückspiel in Schwerin anzutreten. Doch zum erneuten Vergleich zwischen den Vereinen aus BRD und DDR kommt es in der geplanten Form nicht mehr. Mit den Ereignissen des 9. Novembers 1989 gibt es keinen Sportkalender mehr. Einen Gegenbesuch gibt es dennoch. An Ostern 1990 sind 60 Brettorfer in Schwerin zu Gast und erleben eine Neuauflage des Duells von 1988.

Dieses einmalige Faustball-Duell zwischen Ost und West wird die Vereine aus Schwerin und Brettorf für immer verbinden, Spielerin Dagmar Spille sogar ganz besonders. Nach der Wende kommt sie in die Gemeinde Dötlingen zurück, heiratet den 2. Vorsitzenden Ralf Spille und spielt kurze Zeit später für den TVB. Das kleine Örtchen Brettorf, von dem sie bis ins Frühjahr 1988 noch nie etwas gehört hatte, wird ihr neues Zuhause.

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