Sandkrug - Die Kamera schwenkt über ein Gemüsefeld. Lange Reihen Grünkohl kommen ins Bild, mitten drin hockt Peter Kluin (62). So beginnt ein knapp halbstündiger Film auf Arte über den Sandkruger und den Bioland-Hof am Landschulheimweg, den Kluin seit Anfang der 80er Jahre hier gemeinsam mit Hille Hartmann betreibt.
Der Zuschauer erfährt nicht nur viel über die „Oldenburger Palme“ – gerade auch über alternative Zubereitungsformen –, sondern erhält auch einen kleinen Blick in das Privatleben von Peter Kluin und seiner Frau Susanne Bruns. Wer die beiden kennt, weiß, dass sie nicht darauf drängen, im Mittelpunkt zu stehen. Aber sie haben die Anfrage der Filmemacherin Hanna Leissner zu recht als Chance gesehen, Konzepte wie die „solidarische Landwirtschaft“ und den ökologischen Gemüseanbau noch bekannter zu machen.
Vom Fisch zum Gemüse
Ende der 70er Jahre: Eigentlich will der gebürtige Emder Fischer werden. Doch da ihm das ewige Schaukeln auf dem Meer zu schaffen macht, landet er als ausgebildeter Fischwirt in einer Forellenzucht im Weserbergland. Das kann für ihn keine Endstation sein, beschließt Kluin und beginnt ein Biologiestudium in Oldenburg. Hier fasst er einen weitreichenden Entschluss. In unmittelbarer Nähe des damaligen Landschulheims in Sandkrug fängt er an, eigenes Gemüse anzubauen.
Im Frühjahr 1984 schnappt sich der Student einen Tisch, frisch geerntetes Gemüse und fährt damit zum ersten Mal zum Rathaus-Markt vor der Lambertikirche in Oldenburg. Neben das selbst angebaute Gemüse stellt Kluin eine Thermoskanne mit der Aufschrift „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“. So macht er sich selbst vielleicht ein bisschen Mut, auf jeden Fall kommt „der Neue“ auf dem Markt schnell mit den Kunden ins Gespräch.
Nicht nur die Nachfrage wächst in den folgenden Jahren, auch die Ackerfläche und die Zahl der Mitarbeiter. Heute ist die Marktgärtnerei „Erdfrüchte“, so der offizielle Name, seit fast 35 Jahren ein zertifizierter Bioland-Betrieb. Hille Hartmann ist die gute Seele des Hofladens.
Mehr als 30 verschiedene Gemüsearten werden auf den Freiflächen und in Gewächshäusern angebaut. Von Tomaten über Gurken, Paprika und Spinat bis zu diversen Salaten und Kräutern reicht das Angebot. Kluin, der seit 2002 Gärtnermeister für Gemüsebau ist, setzt wegen der Nachhaltigkeit auf samenfeste Sorten.
Fünf festangestellten Mitarbeitern bietet der Hof ein Einkommen, darunter zwei Schwerbehinderten. Einer der beiden ist mittlerweile seit 25 Jahren hier beschäftigt. Acht Marktverkäufer bieten die Ware auf dem Rathaus-Markt (dienstags und samstags) und dem Bauernmarkt (freitags) an. Der Standplatz ist immer noch der gleiche wie von Beginn an: direkt gegenüber dem Ratskeller.
Solidarität wächst
Seit August 2018 hat sich als zusätzlicher Vertriebsweg eine „Solawi“ (Solidarische Landwirtschaft) auf dem Hof etabliert. Passender findet Peter Kluin den englischsprachigen Begriff „community supported agriculture“ (CSA). Denn genau darum geht es. Jedes Mitglied der Gemeinschaft erhält wöchentlich einen Anteil an der Ernte. Dafür binden es sich für ein Jahr und zahlt einen festen Monatsbeitrag.
Im November 2019 haben Peter Kluin und seine Frau Susanne Bruns ein Fernsehteam auf dem Bioland-Hof in Sandkrug zu Gast gehabt. Fünf Tage lang schaute Filmemacherin Hanna Leissner, begleitet von einem Kameramann und einem Tonassistenten, dem Paar über die Schulter.
Veröffentlicht wurde der Film in der Reihe „Zu Tisch“ auf Arte. Schwerpunkt ist das typische Gemüse des Oldenburger Lands – Grünkohl. Die Sendung und sämtliche Rezepte können bis zum 9. April in der Mediathek abgerufen werden.
Mittlerweile nutzen schon 43 Menschen aus Huntlosen, Sandkrug und Oldenburg dieses Angebot. Wer möchte, kann bei freiwilligen Ernteaktionen mitmachen, es gab – solange Corona es zuließ – regelmäßige Treffen auf dem Hof. Solawi ist für den Gemüsehof nicht nur ein zusätzliches Standbein, sondern hat auch bei den Teilnehmern für ein Umdenken gesorgt. „Früher habe ich immer nur nach Rezept eingekauft. Heute koche ich einfach das, was da ist“, erzählt eine Frau in dem Film.
Peter Kluin muss lächeln, wenn er daran erinnert wird. Ein schöneres Kompliment kann es für ihn, der die Zutaten der Gemüseboxen jede Woche neu „komponiert“, nicht geben.
