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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Politik

Die rote Mohnblume gegen das Vergessen

20.06.2014

Sage Bedächtig schaut er auf die Grabsteine, die milde Abendsonne lässt das große Kreuz auf dem Friedhof erstrahlen. Für Dr. John Goodyear ist der Sager Militärfriedhof, in englischer Schreibweise „Sage War Cemetery“, ein „Ort der Ruhe, der Stille und des Gedenkens“. Hier liegen auf dem Gelände der Commonwealth-Kriegsgräberstätte 970 gefallene Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg; 745 davon aus seinem Heimatland: England.

Dr. John Goodyear kommt aus der Stadt West Bromwich in Mittelengland, seine Vorfahren kämpften für Königin und Vaterland in den Gräben des ersten Weltkrieges. Seit 2009 lebt der studierte Kulturhistoriker in Oldenburg und arbeitet dort für das Sprachzentrum „Academy of English“ als Studiendirektor. „Schon in der Schule nahm ich Deutsch als Fremdsprache. Schon immer interessierte mich die Geschichte des Ersten Weltkriegs. Da kommt man am deutschen Hintergrund und an der Sprache natürlich nicht vorbei“, sagt der 33-Jährige in perfektem Deutsch.

Kampf für die Queen

Oft denkt er an seine Vorfahren, die es zur damaligen Zeit schon in die Zeitung geschafft hat. Fast ein Jahr nach dem Kriegsausbruch erschien in der Lokalzeitung „Midland Chronicle“ am Freitag, 18. Juni 1915, eine ganzseitige Bildtafel unter dem Titel „Mann aus West Bromwich mit acht Söhnen und Enkelsöhnen an der Front“. Der Mann heißt Francis Smith, Veteran des Krimkriegs (1853-1856) und des Indischen Aufstands (1857). Er ist Goodyears Ur-Ur-Ur-Großvater. Für Goodyear ist die Bildtafel mit ergänzendem Text nicht nur ein erstaunliches Stück Familiengeschichte dreier Generationen, sondern ein Zeugnis für die internationale Tragweite des Krieges sowie dessen Schreckens. Smiths Söhne und Enkelsöhne kämpften an der Front in Frankreich und Belgien und dienten auf Schiffen im Mittelmeer, im Atlantik und vor der afrikanischen Küste. Ein Enkelsohn von Smith namens George Latham lag im Krankenhaus mit Giftgasverletzungen, ein anderer namens Thomas Francis Latham starb am zweiten Tag der zweiten Flandernschlacht am 23. April 1915 in der Nähe von Ypern.

Um mehr über Thomas Latham herauszufinden, führte Goodyear intensive Gespräche mit seinem Großvater, William Smith. Die Erzählungen seines Großvaters führten Goodyear 2007 ins belgische Poperinge zum Begräbnisort seines Ur-Großonkels, Thomas Francis Latham. Nur 10 Kilometer von dem Kriegsschauplatz Ypern entfernt, befindet sich der Alte Militärfriedhof von Poperinge. Auf dem Gelände der Commonwealth-Kriegsgräberstätte fand Goodyear den Grabstein aus Portland-Stone von Lance Cpl. T. F. Latham der Military Police Corps. „Es war ein bewegender Moment in meinem Leben, das Grab meines gefallenen Ur-Großonkels gefunden zu haben, weit weg von zuhause, aber an einem Ort der Ruhe“, erklärt der geschichtsinteressierte Brite.

Sein erster Besuch des Sager Militärfriedhofs zum „Remembrance Sunday“ erinnerte ihn sofort an seinen Besuch des Militärfriedhofs von Poperinge,. Die vielen Grabsteine vor Ort in Sage und in Poperinge zeigen, so Goodyear, die zahlreichen menschlichen Verluste der Weltkriege. „Zum Glück sind die Zeiten von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Großbritannien und Deutschland vorbei. Wir sind nach 100 Jahren in den Deutsch-Britischen Beziehungen erstaunlich weit gekommen: Freunde statt Feinde“, sagt er weiter.

Poppies zur Erinnerung

„In Deutschland wird komplett anders mit dem Krieg umgegangen. In England ist der Krieg viel präsenter, man erinnert sich oft daran.“ Um sich auch in Deutschland an den Krieg zu erinnern, pilgert Goodyear jedes Jahr am zweiten Sonntag im November nach Sage, um an der jährlichen Gedenkfeier zu Ehren der Gefallenen und Opfer der Kriege teilzunehmen. Am sogenannten „Remembrance Sunday“ tragen die Briten rote Poppies, Erinnerungs-Mohnblumen, die auch er stolz am Revers seines Sakkos trägt. „Eingeführt wurden die Poppys im Jahr 1920, direkt nach dem Ersten Weltkrieg, als symbolische Blume zum Gedenken der Kriegsopfer“, sagte Goodyear, der 2. Vorsitzender der Deutsch-Britischen Gesellschaft ist. Mit Stolz trägt er jedes Jahr sein Poppy und gedenkt vor allem der Geschichte seiner eigenen Familie, die „for King and Country“ im Ersten Weltkrieg gekämpft hat.

„Man muss ständig bemüht sein, die Deutsch-Britischen Beziehungen aktiv zu kultivieren, vor allem in der Jugend“, fügt Goodyear hinzu. Daher hält er ehrenamtlich im Zeichen des 100-jährigen Jubiläums des Beginns des Ersten Weltkriegs Vorträge an Schulen in Großbritannien und Deutschland, organisiert Praktika für deutsche Uni-Studenten in England und setzt Projekte zum Verständnis der beiden Länder um. Zu den Gedenkfeierlichkeiten ist für die niedersächsischen Schulferien eine Reise mit einer Oldenburger Schulgruppe zu der Partnerschule der Academy of English in der Nähe von West Bromwich geplant. Goodyear: „Es sind noch Plätze frei.“ Die Reise endet am Sonntag, 9. November, mit der Teilnahme an der „Remembrance Sunday“-Veranstaltung am Sager Militärfriedhof. Dort sieht man dann überall die kleinen roten Poppies am Revers der Besucher.

Am 30. Oktoberstartet die von John Goodyear organisierte Reise nach England für interessierte Schüler im Alter von 11 bis 16 Jahren.

Eine Infoveranstaltungfindet am 30. Juni um 19.30 Uhr bei der Academy of English, Alter Postweg 125, in Oldenburg statt. Anmeldungen unter Telefon 04 41/2 00 56 67 oder an office@englisch-oldenburg.de.

Heiner Elsen
Friesoythe
Redaktion Münsterland
Tel:
04491 9988 2906

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