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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Politik

Ausbildung In Ganderkesee: Junger Syrer entwickelt sich zum Musterschüler

19.03.2019

Ganderkesee /Wildeshausen Sein Vokabelheft hat Ahmed Alomar immer dabei. Jeden Tag trägt der 23-Jährige neue Wörter ein und versucht, sie sich durch ständiges Wiederholen einzuprägen. Gerade arbeitet er wieder an einem neuen Begriff: „Hydraulischer Abgleich“, sagt Ahmed noch ein bisschen zögerlich. Aber die Aussprache wird der junge Syrer schnell lernen, schließlich beherrscht er schon so viele Fachbegriffe aus der Heizungs- und Sanitärbranche. Und wie der hydraulische Abgleich an Heizungsanlagen in der Praxis funktioniert, weiß er sowieso.

Ahmed Alomar befindet sich im zweiten Ausbildungsjahr im Fachbetrieb Jens Meirose Haustechnik in Ganderkesee – und er ist „ein Paradebeispiel für Integration durch Qualifikation“, findet sein Chef. „Er war von Anfang an sehr motiviert“, ist Jens Meirose sichtlich stolz auf seinen ersten Auszubildenden, der aus Syrien stammt.

Flucht mit dem Vater

2015 kam Ahmed Alomar im Zuge der großen Flüchtlingswelle aus der Türkei nach Deutschland, zusammen mit seinem Vater. Eineinhalb Jahre später durften seine Mutter und die vier Geschwister, die in der Türkei geblieben waren, nachkommen. Die Familie wohnt in Wildeshausen am Heilstättenweg. Der Vater war Lehrer in Syrien, die Alomars bewohnten ein eigenes Haus in einem Dorf nahe Aleppo und Ahmed hatte eine glückliche Kindheit. Er besuchte die Schule bis zur 9. Klasse und begann anschließend eine Ausbildung zum Metallbauer.

Aber dann kam der Bürgerkrieg und bald darauf besetzten islamistische Rebellengruppen das Gebiet. Täglich wuchs die Gefahr, dass der älteste Sohn vom Islamischen Staat als Kämpfer rekrutiert würde. Auf Drängen seines Vaters floh er 2012 in die Türkei, wo er zunächst festhing und sich mit Gelegenheitsarbeiten leidlich über Wasser hielt. Nach neun Monaten sah Ahmed seine Familie in Istanbul wieder: Weil der Vater zunehmend von den Islamisten bedroht wurde, entschloss er sich, mit Frau und Kindern die syrische Heimat zu verlassen. „Aber in der Türkei gab es keine Zukunft für uns“, erzählt Ahmed. Darum beschlossen Vater und Sohn im Sommer 2015, sich dem Flüchtlingsstrom über Griechenland und den Balkan nach Deutschland anzuschließen.

Schnell Kurse besucht

Über Frankfurt und das niedersächsische Aufnahmelager in Bramsche kamen sie nach Wildeshausen. Schnell besuchte Ahmed Sprachkurse. Und er engagierte sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. So fand er auch Kontakt zum Treffpunkt „Mittendrin“ und zu Linda Vietor, die das Integrationsprojekt der Stadt Wildeshausen intensiv begleitet. Die frühere Kommunalpolitikerin begab sich mit Ahmed auf die Suche nach einem Ausbildungsbetrieb und fand ihn mit Hilfe der Kreishandwerkerschaft Delmenhorst/Oldenburg-Land bei Jens Meirose in Ganderkesee. Nach einem Praktikum, in dem er den Firmeninhaber und die Kollegen voll überzeugte, startete der Geflüchtete im Haustechnik-Betrieb an der Gustav–Weißkopf-Straße die dreieinhalbjährige Ausbildung zum Anlagenmechaniker Sanitär/Heizung.

Praxis kein Problem

„Das Praktische lag ihm von Anfang an“, berichtet Jens Meirose. „Und was die Sprache angeht, hat er sich einfach durchgebissen.“ Anfangs sei es sehr schwierig für ihn gewesen in der Berufsschule, gesteht Ahmed. Aber er lernte schell dazu, auch mit Hilfe von Franz Winzinger vom Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft, der ihn vor gut einem Jahr unter seine Fittiche nahm – und ebenfalls erstaunt ist von den raschen Fortschritten seines Schülers. „Inzwischen kann man das nicht mehr Nachhilfe nennen, es geht jetzt darum, ihn noch besser zu machen“, sagt Winzinger, auch mit Blick auf die Zwischenprüfung Anfang Juni, deren Note zu 30 Prozent auf den Ausbildungsabschluss angerechnet wird.

Chancen im Handwerk

„Die Ausbildung bei uns beinhaltet viele technische Ausdrücke“, weiß Jens Meirose, „die muss er in der Prüfung beherrschen.“ Der Chef ist aber überzeugt davon, dass sein Azubi die Hürde meistern wird. Schließlich will er ihn anschließend weiter beschäftigen. Mut macht den beiden auch Carsten Bleckwenn, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Bei den Prüfungen werde nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, meint er. Denn das Handwerk sei angewiesen auf Nachwuchs aus Migrantenfamilien. „Die deutschen Fachkräfte werden weniger.“ Gerade die lernwilligen Geflüchteten aus Syrien seien „geborene Handwerker“, glaubt Bleckwenn. Nur: „Es landen längst noch nicht so viele in unseren Betrieben, wie wir gebrauchen könnten.“

„Die Sprachbarriere ist der Knackpunkt“, weiß Carsten Bleckwenn. Dass ein Auszubildender so schnell lernt wie Ahmed Alomar, ist noch die große Ausnahme. Dazu trage auch die unsichere Situation bei, erklärt Linda Vietor. Solange der Aufenthaltsstatus unklar bleibe, seien die jungen Männer wenig motiviert, sich in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. Anderen fehle die Geduld: „Sie brechen ab, weil sie mehr erwartet haben.“

Verbleib unsicher

Auch Ahmed Alomars Verbleib in Deutschland ist nicht gesichert: Als subsidiär Schutzberechtigter hat er eine Aufenthaltsberechtigung bis zum Juli. Aber Linda Vietor und Jens Meirose sind sicher, dass ihr Musterschüler eine Asylgenehmigung für weitere drei Jahre bekommt.

„Wenn Du ehrlich Deinem Weg folgst, dann kommst Du überall klar“, lautet Ahmeds Alomars Überzeugung. Er sagt das in einwandfreiem Deutsch. Der 23-Jährige kann sich ausdrücken, nahezu akzentfrei und mit einem Satzbau, an dem sich manche deutsche Jugendliche ein Beispiel nehmen könnten. Und wenn er Fremden auf der Straße begegnet, sagt er „Moin“ – „wenn die Leute dann zurückgrüßen und lächeln“, sagt Ahmed, „dann macht mir das einfach Spaß.“

Hergen Schelling Agentur Schelling (Leitung) / Redaktion Ganderkesee
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