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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Politik

Mit 10 Mark hinein in die SPD

31.05.2019

Harpstedt Wenn seine Frau ihn vermisse, so sagt Hermann Bokelmann, „bin ich hier“. Hier – das ist sein Arbeitszimmer, ein 16-Quadratmeter-Raum mit langen Regalreihen voller Aktenordner, prall gefüllten Hängeregistern und Büchern. Nach dem allmorgendlichen Lesen von drei Tageszeitungen studiert Bokelmann hier am PC die überregionalen Meldungen eines Nachrichtendienstes, bearbeitet Mails, schreibt Briefe. Heute wird der Harpstedter, der wohl wie kein Zweiter die Entwicklung „seines“ Fleckens mitgestaltet hat, 90.

1964 bis 1996: Bürgermeister des Fleckens Harpstedt 1962 bis 1998: Vorsitzender der SPD in Harpstedt ab 1964: Kreistagsabgeordneter im Landkreises Grafschaft Hoya; 1977 durch die Kreisreform im Kreistag des Landkreises Oldenburg; 1986 Wahl zum stellvertretenden Landrat 1991 bis 2001: Ehrenamtlicher Landrat 1988: Erhalt des Bundesverdienstkreuzes.

Hermann Bokelmanns Wiege stand in Dünsen, wo er später die einklassige Dorfschule besuchte. In Deutschland herrschte das NS-Regime, als Bokelmann Kind war. „Ostern 1939 wurden wir Pimpfe im ,Deutschen Jungvolk’“, erinnert er sich. Jetzt konnte er am Fackelumzug teilnehmen, bekam eine Uniform, ein Fahrtenmesser. Das begeisterte ihn. „Selbst im Winter 1945 glaubten wir noch an den ,Endsieg’.“

„Prägend“ nennt Bokelmann, was er nach Kriegsende erlebte. „Da kam alles raus“: der millionenfache Mord an Juden, die Unterdrückungsmaschinerie, die Mär vom „Erbfeind Frankreich“ und, und, und. „Wir haben gemerkt, dass wir verführt wurden.“

Weil auf vielen Höfen keine Männer mehr waren, war Bokelmann schon Tage vor Kriegsende von Bäuerinnen gefragt worden, ob er beim Pflanzen der Kartoffeln helfen könne. Er sagte zu. Für einen Hof in Dünsen durfte er Trecker fahren, obwohl er mit 16 gar keinen Führerschein hatte. „Hol mal ein Fuder Torf aus dem Sulinger Bruch“, habe es zum Beispiel geheißen. „Wusste ich, wo der Sulinger Bruch ist?“ Die Arbeit habe selbstständiger gemacht.

Im Februar 1946 kam der Abschied vom „Landjahr“: Eine Nachbarin wies Bokelmann darauf hin, dass die Post einen Briefträger suche. „So wurde ich als knapp 17-Jähriger Briefträger für Dünsen und Klosterseelte.“

Keine Post aus Russland

„Ich vergesse nicht, welche Freude es war, wenn ich eine Karte aus dem Kriegsgefangenenlager in Russland brachte“, erinnert er sich. Andere Mütter hätten ihn immer wieder nach Lebenszeichen ihrer Jungs gefragt, „Jungs, die mit mir in der Schule waren“, aber noch Soldat wurden. Manche Mütter hätten ihre Hoffnung mit ins Grab genommen. „Das hat mich berührt.“

Beruflich folgten neue Herausforderungen: zwei Jahre in der Telefonvermittlung auf dem Muna-Gelände, Landzusteller beim Postamt Harpstedt, Eignungsprüfung für den Mittleren Postdienst, ab 1958 Schalter-, Kassen- und Zeitungsdienst im Postamt Bassum, ab 1962 Betriebsleiter des Postamtes Harpstedt.

Noch in die Bassumer Zeit fiel die Hinwendung zur SPD: 1961, als in Berlin die Mauer gebaut wurde, „habe ich mich geärgert, dass Adenauer Willy Brandt allein gelassen hat“. Also ging er in der Mittagspause zum SPD-Parteibüro, spendete zehn Mark. Und er trat in die Partei ein.

Was folgte, sollte 50 Jahre später bei einer Feier in Kirchhatten vom SPD-Landesvorsitzenden Olaf Lies als beispielloses Engagement für die Partei und in der Kommunalpolitik gewürdigt werden.

Brücke geschlagen

So war Bokelmann maßgeblich beteiligt, als in Harpstedt in den 1960er Jahren der Bau einer Mittelpunktschule angeschoben, das Rosenfreibad oder das Gewerbegebiet Amtsacker geschaffen wurde. Auch der Anschluss an die Gasversorgung oder der Bau des DRK-Altenheims gehen zu großen Teilen auf sein Konto. Und: Bokelmann gilt als einer der Väter der Partnerschaft des Fleckens mit dem französischen Loué.

Mittlerweile hat der Harpstedter alle Ämter abgegeben, er beschränkt sich aufs Beobachten und (gelegentlich) Kommentieren. Ob er einen Leitsatz hat? „Rennt niemals einem Trommler blindlings hinterdrein“, sagt er. „Das gilt heute mehr denn je.“

Karsten Kolloge Harpstedt / Redaktion Wildeshausen
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