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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Politik

Vor 75 Jahren im KZ gestorben

25.01.2020

Harpstedt Am 3. Januar 1996 erklärte der damalige deutsche Bundespräsident Roland Herzog den 27. Januar – die Befreiung von Auschwitz – zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Vor fast genau 75 Jahren – am 27. Januar 1945 – erreichte die Rote Armee in Auschwitz/Polen das größte Konzentrations- und Vernichtungslager des Nazi-Regimes. Nur etwa 7000 Häftlinge waren noch am Leben. Fast 60 000 Häftlinge waren aus Auschwitz vor dem Eintreffen der Russen zu Fuß auf die „Todesmärsche“ in die eisige Kälte des polnischen Winters geschickt worden.

Anlässlich des Gedenktages erinnert sich Harpstedts Altbürgermeister Hermann Bokelmann daran, dass die letzte der Harpstedter Juden, die am 19. Mai 1910 geborene Johanna de Vries, am 4. Januar 1945 im Konzentrationslager (KZ) Stutthoff umgekommen ist.

Juden in Harpstedt

Stutthoff war das erste KZ, das die Nazis in den ersten Tagen des 2. Weltkriegs in Polen errichteten. Johanna de Vries war das fünfte Opfer der Harpstedter Familie de Vries. Ihre Mutter Jenny de Vries, geborene Neublum (gestorben mit 71), wurde am 13. Dezember 1942 im KZ Theresienstadt umgebracht. Auch dort kamen Henriette Roßbach, geb. Jordan (68), Willi Löwenstein (71) und Ida Löwenstein, geb. Goldschmidt (67), um. Johannas Bruder Erich de Vries (35), dessen Ehefrau Helene, geborene van der Zyl (36), und deren kleine Tochter Marga (8) wurden am 29. Juli 1942 im weißrussischen Minsk ermordet, ebenso Edgar Roßbach (35).

Als 1992 der Landkreis das Buch „Landkreis Oldenburg – Menschen, Geschichte, Landschaft“ vorstellte, sah der damalige Landrat Hermann Bokelmann im Kapitel „Juden im Landkreis Oldenburg“ die Liste mit den Namen, die ihm aus seiner Kindheit bekannt waren. Bokelmann, bis 1996 Bürgermeister des Fleckens Harpstedt, war tief erschüttert und schlug die Aufstellung einer Gedenktafel vor – der gesamte Rat stimmte zu. Ratsherr Heinrich Sudmann spürte zwei große Findlinge auf. Am 14. August 1996 wurden die Gedenksteine mit der Namenstafel auf dem Amtshof und dem Judenfriedhof durch Sara-Ruth Schumann von der jüdischen Gemeinde Oldenburg enthüllt.

Lange verschwiegen wurde – obwohl es gemeinhin bekannt war – dass nach 1933 auch in Harpstedt Aktionen gegen die Juden durchgeführt wurden. Der ehemalige Gemeindedirektor Dirk Heile berichtete erst am Schluss seiner Chronik: Bereits bei der Beerdigung von Berta Goldschmidt beauftragte die örtliche SA-Führung den Apotheker Wilhelm Ihmels, den Trauerzug zu fotografieren, um festzuhalten, wer einer Jüdin das letzte Geleit gab. Doch Ihmels sorgte dafür, dass die Aufnahmen „misslangen“.

Wer sich mit jüdischen Mitbürgern einließ, musste Konsequenzen fürchten: Weil Heinrich Rogge trotz Verbot Fleisch vom Schlachter Erich de Vries bezog, wurde das an der Landesstraße in Dünsen stehende Hinweisschild „Hotel Waldfrieden – Rogge Dünsen“ mit Teer beschmiert. Das verunreinigte Schild stand längere Zeit auf dem Hof von Malermeister Friedrich Ranke. Außerdem wurde ein Bauer, der beim Juden eine Hose kaufte, von der Sturmabteilung (SA) verprügelt. Ein Frisör schnitt seinem Nachbarn de Vries nicht mehr die Haare.

Nach Bremen gebracht

Nachdenklich stimmt die Dokumentation von Bokelmanns Schulkamerad Henry Eiskamp in „Hinnerk schaut vor und zurück“, wonach sich Mitglieder der SA, also der Kampforganisation der Nazipartei, in Harpstedt damals Polizeifunktionen anmaßten: Sie inhaftierten die Harpstedter Juden und eskortierten sie durch die Straßen zur Sammelstelle an der Grünen Straße, von der man sie nach Bremen brachte.

Den Weg der Harpstedter Juden in die Lager fand Bokelmann im Internet. Auf der Liste der „Deportation nach Minsk am 17. November 1941“ stehen die Bremer Juden, die vier Harpstedter und acht Wildeshauser mit Geburtsort und -datum. Im Bericht 0082 der SS-Gruppe Arlt vom 3. August 1942 steht in den drei letzten Zeilen: „Vom 25. bis 27. Juli wurden neue Gruben ausgehoben. Am 29. Juli: 3000 deutsche Juden wurden zur Grube gebracht. Die folgenden Tage waren wieder mit Waffenreinigung ausgefüllt.“ In Minsk wurden am 29. Juli 1942 auch zwei Juden aus Wardenburg und acht aus Wildeshausen umgebracht, darunter die gesamte Familie de Haas mit den 15 und 16 Jahre alten Kindern.

Verwandte meldet sich

Am 29. Juli 2017 gedachten Sudmann und Bokelmann der ermordeten jüdischen Bürger aus Harpstedt, indem sie kleine Steine auf die Gedenktafel auf dem Judenfriedhof legten. Der Bericht löste ein unerwartetes Echo aus: Er wurde in Kolumbien gelesen von Giovanna de Vries, der Enkeltochter von Walter de Vries (Sohn von Jenny de Vries aus Harpstedt), der am 25. April 1938 auswanderte und sich damit der Verfolgung durch die Nazis entzog. Das war in Harpstedt gar nicht bekannt.

In ihrem Brief schrieb Giovanna de Vries, dass ihr Großvater Walter de Vries (1915 in Harpstedt geboren) in Kolumbien verstorben sei. Aus Angst, dass seiner Familie das Gleiche wie den Juden in Deutschland widerfahren könnte, habe er kein Vermächtnis an seine Familie übermittelt. „Seine Weise, seine Kinder zu schützen, war das Schweigen. Seine Kinder, unter ihnen meine Mutter, werden sterben, ohne Deutschland zu kennen, mit einem Loch in ihrer Vergangenheit.“

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