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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Politik

Jüdische Familie: Verschwiegene Geschichte rekonstruiert

26.08.2017

Harpstedt „Aunque sea una foto“ (auch wenn es nur ein Foto sei). – Irgendetwas aus der Geschichte ihrer Familie hatte Giovanna de Vries erbeten, nachdem sie Ende Juli auf NWZonline einen Bericht über die Ermordung von vier Harpstedter Juden vor genau 75 Jahren gelesen hatte. Die Enkelin von Walter de Vries, der im April 1938 nach Kolumbien ausgewandert war und dem Holocaust entging, meldete sich in spanischer Sprache. Jetzt erhielt sie ein Antwortschreiben von Historiker Dr. Werner Meiners. Er hat Informationen über eine Familiengeschichte zusammengetragen – Informationen, die so unfassbar sind.

Seinem Schreiben legte Werner Meiners auch einen von ihm selbst verfassten Aufsatz zur Geschichte der Juden in Harpstedt bei. Danach hatte sich der erste Schutzjude (ein gegen besondere Abgaben den Schutz des Landesherrn genießender Jude) mit seiner Familie im Jahr 1702 in Harpstedt niedergelassen. Bis 1848 stieg die Zahl der jüdischen Haushalte auf fünf, mit insgesamt 42 Mitgliedern.

Eine kleine Synagoge entstand 1840 an der Großen Eßmerstr. 11. 1936 wurde das Haus verkauft. Während des Kaiserreichs war Iwan Goldschmidt die herausragende Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde. Elf Jahre lang war er gewählter Oberst der Harpstedter Bürgerschützen.

Ab 1935 verstärkten sich die Aktionen der örtlichen NSDAP- und SA-Führung gegen Juden. Während des Pogroms 1938 wurden die vier noch im Ort befindlichen Männer und Frauen durch die Straßen getrieben und im Amtshof-Keller eingesperrt. Fast alle nach 1933 in Harpstedt lebenden Juden, so sagte Meiners, seien deportiert und ermordet worden.

Zum Hintergrund: In dem Bericht am 29. Juli informierte die NWZ über die Niederlegung von vier Steinen auf der Gedenktafel des jüdischen Friedhofs in Harpstedt. Der langjährige Fleckenbürgermeister Hermann Bokelmann und Heinrich Sudmann erinnerten dort an die Ermordung von Erich de Vries, seiner Ehefrau Helene, ihrer achtjährigen Tochter Marga sowie von Edgar Roßbach, die am 29. Juli 1942, offenbar zusammen mit 3000 weiteren deutschen Juden, in Minsk erschossen worden waren.

Völlig überrascht war Bokelmann, als sich auf den Bericht hin via Internet Giovanna de Vries meldete. In ihrem Brief, den Spanischlehrerin Ina Franz ins Deutsche übersetzte, schrieb sie, dass ihr Großvater Walter de Vries in Kolumbien gestorben sei. Aus Angst, dass seiner Familie das Gleiche wie den Juden in Deutschland widerfahren könnte, habe er kein Vermächtnis an seine Familie übermittelt. „Seine Weise, seine Kinder zu beschützen, war das Schweigen. Seine Kinder, unter ihnen meine Mutter, werden sterben, ohne Deutschland zu kennen, mit einem Loch in ihrer Vergangenheit.“

Bokelmann versuchte daraufhin, in Harpstedt weitere Informationen zu erhalten, um die Bitte der Briefschreiberin zu erfüllen. Weiterhelfen konnte schließlich Dr. Werner Meiners, der sich seit 35 Jahren intensiv mit der Geschichte der Juden im Landkreis Oldenburg befasst. 1992 hatte der Wardenburger in Harpstedt vor vielen Interessierten einen Vortrag über die Juden im Flecken gehalten.

„Fotos der Familie habe ich leider nicht gefunden“, bedauerte Meiners. Aber: Er übersandte Bilder vom früheren Wohnhaus der Familie Neublum/de Vries an der Großen Eßmerstraße und auch vom Grabstein des Isaac Moses Neublum (1798 bis 1863) auf dem jüdischen Friedhof in Wildeshausen. Er war als junger Mann nach Harpstedt gezogen, arbeitete hier als Fleischer und kaufte 1852 für die Familie das Haus an der Großen Eßmerstraße.

Meiners recherchierte und übermittelte auch die Daten der nachfolgenden Generationen. Was ihm auffiel: Weitere Grabsteine seien nicht zu finden – weder in Wildeshausen noch auf dem 1907 von Iwan Goldschmidt erworbenen Friedhofsgrundstück bei Harpstedt. Eine mögliche Erklärung: In früheren Jahren hätten nicht alle Familien das Geld gehabt, sich einen Grabstein zu leisten.

Als vierte Generation der Harpstedter Familie, so schrieb es Meiners, seien die Kinder Erich (der spätere Synagogengemeinde-Vorsteher, geb. 1907), Johanna (1910) und eben Walter (1915) geboren worden. Walter, der 1936 zunächst als Viehhändler-Gehilfe in Oldenburg arbeitete, später nach Zeven und schließlich nach Bremen zog, emigrierte am 25. April 1938 nach Kolumbien.

Seine Mutter, die Geschwister, deren Ehegatten und auch die achtjährige Marga überlebten den NS-Terror nicht. Sie wurden in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet oder erlagen den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto.

Der Historiker hatte für seine Recherchen so manche Stunde geopfert. „Für mich ist das ein Teil geschichtlicher Verantwortung“, erklärte er.

Karsten Kolloge Harpstedt / Redaktion Wildeshausen
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