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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Politik

GESCHICHTE: Ja zum Leben im Angesicht des Grauens

08.06.2005

Hohe Sicherheitsstufe auch, weil 18 000 bis 20 000 Menschen aus den USA, aus Israel, Chile, Brasilien, Südafrika, aus fast allen europäischen Ländern und zum ersten mal auch aus Deutschland zusammen gekommen sind, um gemeinsam am MOL 2005, dem sechzehnten March of the Living, dem Marsch der Lebenden im Gedenken an die Todesmärsche gegen Kriegsende, die Ermordeten und Toten teilzunehmen. Die Haupt-Organisatoren von der Anti Defamation League (ADL = Anti-Diffamierungs-Liga) aus den USA befürchten Übergriffe auf die von ihnen betreuten Teilnehmer. Jeder Bus, mit dem sie nach Auschwitz gefahren werden, hat einen bewaffneten polnischen Sicherheitsbeauftragten an Bord, der darauf achtet, dass niemand verloren geht und spontane Kontakte zu Fremden misstrauisch beobachtet.

Aus Deutschland kommen eine Delegation des deutschen Bundestages, eine Gruppe Geschichtslehrer, Vertreter der deutschen Jugendverbände und die Gruppe „ADL Germany“, in Deutschland bekannt unter dem Namen „Eine Welt der Vielfalt“. Die 32 Mitglieder sind zwischen 16 und 74 Jahren alt und nehmen aus verschiedenen Motiven teil. Außer Ingeborg Jacoby aus Wildeshausen sind noch drei weitere Fachberaterinnen aus Delmenhorst, Oldenburg und Osnabrück, ebenfalls Trainerinnen des Anti-Rassismus-Programms „Eine Welt der Vielfalt“, in Polen dabei.

Es geht langsam voran. Gruppen mit Fahnen und Transparenten ziehen an uns vorbei. Wir sollen uns hinter der Delegation der deutschen Jugendverbände einordnen, immer zu acht nebeneinander. Einer unserer polnischen Begleiter trägt unser Schild „ADL Germany“ an dem wir uns in der Menschenmenge orientieren können. Von Auschwitz bis zum Lager Birkenau stehen und gehen auf drei Kilometern die Teilnehmer. Es ist kalt, regnerisch, und wir sind froh, dass wir mit Regenjacken ausgestattet worden sind, die auf dem Rücken das Emblem des MOL 2005 tragen.

Vom Gleis, das in das Lager Birkenau hinein führte, sind noch 150 Meter erhalten. Die Ersten stellen hier ihre Mazevot, kleine Gedenktäfelchen aus Holz, auf die sie Worte zur Erinnerung oder Wünsche für die Zukunft geschrieben haben, ins Schotterbett. Es ist 15 Uhr, als wir vor dem Eingangstor zum ehemaligen Frauenlager ankommen. Wir warten wieder. Endlich dürfen wir weiter vorrücken und den für uns vorgesehenen Platz einnehmen, das Areal einer ehemaligen Baracke, von der nur die Reste der „Heizungsschornsteine“ und die 20 Zentimeter hohen Fundamente aus der Erde ragen. Auf dem Gelände verteilt stehen Videowände, die Abfolgen von Bildern aus dem KZ zeigen. Die Stimmung schwankt zwischen „angespannt“ und „ich bin fertig“.

Gegen 17 Uhr eröffnet Ministerpräsident Belka die Zeremonie. Er spricht englisch und er beeindruckt die Teilnehmer der Feier mit persönlichen, familiären Bemerkungen. Ariel Sharon beginnt seine machtvolle Rede auf Englisch und fährt dann auf Hebräisch fort. Keiner kann sich den Worten von Elie Wiesel entziehen, der dem Holocaust in seinem unvorstellbaren Ausmaß am Beispiel eines einzelnen ermordeten Kindes einen Namen gibt, und wohl jeder ist tief betroffen, als das Lied von der „jiddischen Mamme“ über den Platz hallt.

Sechs riesige Fackeln stehen zum Schluss über Birkenau im Gedenken an die Babys, die ihren Müttern aus den Armen gerissen und lebend ins Feuer geworfen wurden, an die ermordeten Kinder, die Erzieher, die ihnen anvertraute Kinder ins Gas begleiteten, Menschen, die Juden versteckten oder gerettet haben.

Einer aus den Reihen der Überlebenden stimmt die israelische Nationalhymne an, der Chor nimmt sie auf und Tausende fallen ein. Ein tief empfundenes und kräftiges Ja zur Zukunft, zum Leben im Gedenken an die Toten und Erschlagenen.

Der Besuch im Stammlager Auschwitz am nächsten Tag lässt das Ausmaß und Grauen des Holocaust höchstens ahnen. Es wirkt ein bisschen wie Museum. Wer nicht Bescheid weiß, wird nur schwer begreifen können.

Die noch verbleibende Zeit nutzen wir dazu, vom Wachturm über der Lagereinfahrt von Birkenau das Ausmaß des Lagers auf uns wirken zu lassen. Wir sind tief betroffen und schrecken regelrecht aus unseren Gedanken auf, als neben uns eine Gruppe junger jüdischer Männer laut Gebete spricht, dann einen Jubelgesang anstimmt und beginnt, untergehakt im Kreis zu tanzen. Tanz auf den Gräbern? Nein, „nur“ Bar Mizwa. Einer von ihnen hat sich angesichts der jüdischen Tragödie zum Judentum bekannt. Uns wird erst jetzt und dadurch ganz klar, was MOL bedeutet: Unsere und die folgenden Generationen tragen keine Schuld, aber eine Zukunft ist nur im Bewusstsein des Geschehenen und in Toleranz und Verantwortung allen Menschen gegenüber zu gewinnen.

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