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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Politik

Integration: Ehrenamtliche immer noch stark gefragt

11.09.2019

Sandkrug Ostern 2014: In einem Haus an der Schultredde, das vor langer Zeit einmal die Wohnung des Waldschul-Rektors gewesen ist, in den 90er Jahren Asylbewerber aus Somalia beherbergte und zwischenzeitlich als Jugendzentrum gedient hat, ist die Familie Lazar eingezogen. Die Brüder George und Jakou, außerdem ihre Mutter Khatto Danko, ihre beiden Ehefrauen Nahrien und Evelyn und die vier Kinder Zozo, Marina, Ornina und Mariou, sie alle sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen.

Initiative unter Nominierten des Deutschen Engagementpreises

Die Idee für das Projekt „Hilfe bei Anträgen und Formularen“ ist entstanden, als 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland und auch in die Gemeinde Hatten kamen. „Zwei befreundete Ehepaare, die direkt neben einer Flüchtlingsunterkunft wohnen, hatten bei ihren Nachbarn bemerkt, dass diese hilflos der deutschen Bürokratie gegenüberstanden.

Da musste geholfen werden! Es wurde ein Raum in einer Kirche organisiert, ein Plakat und Flugblätter wurden gedruckt, und ab Januar 2016 fanden einmal wöchentlich Beratungsgespräche statt. Ziel war es auch - neben der Hilfe bei der Formularflut - den Zuwanderern Ängste vor den Behörden zu nehmen und ihnen das Funktionieren der verschiedenen Verwaltungen, Versicherungen, Telekom-Anbietern usw. zu erklären.“ So heißt es in der Beschreibung auf der Internetseite des Deutschen Engagementpreises.

Am Donnerstag, 12. September, beginnt das Online-Voting für den Publikumspreis des Deutschen Engagementpreises. Die Frist endet am Donnerstag, 24. Oktober. Der Gewinner oder die Gewinnerin des Publikumspreises erhält 10.000 Euro zweckgebunden für die Verwendung in einem konkreten Projekt, das in Zusammenhang mit dem Engagement steht. Unter Angabe der E-Mail-Adresse kann jeder Interessierte jeweils einmal für ein oder mehrere Projekte abstimmen.

Die Flüchtlingsinitiative freut sich, nach der Auszeichnung auf Landesebene in diesem Jahr auch auf Bundesebene nominiert worden zu sein. 617 herausragend engagierte Menschen und ihre Organisationen wurden für den Deutschen Engagementpreis nominiert – 58 davon kommen aus Niedersachsen. Auch wenn mittlerweile feststeht, dass der Jurypreis nicht an sie geht, sind die Hatter nicht unglücklich. Die Nominierung war schon Auszeichnung genug, so ihr Kommentar.

Mehr Infos unter www.deutscher-engagementpreis.de

Es ist der Tag, an dem zwei Ehepaare aus der unmittelbaren Nachbarschaft den gleichen Gedanken haben: Angela und Rainer Burchardt sowie Vera und Helmut Ibelings. „Wir haben uns damals mit Kuchen in der Hand getroffen, wollten alle die Neuankömmlinge begrüßen“, erinnert sich Angela Burchardt. Eine Verständigung war nur mit Händen und Füßen möglich.

Mit Kuchen an der Tür

Aus dieser Geste der Mitmenschlichkeit ist etwas entstanden, von dem damals keiner der Beteiligten etwas geahnt haben mag. Die beiden Sandkruger Ehepaare – alle vier im besten Rentenalter – helfen seit mittlerweile fünf Jahren geflüchteten Menschen in der Gemeinde Hatten bei Alltagsproblemen, deren Lösung längst nicht immer alltäglich ist.

Anfangs ging es beispielsweise um die Suche nach Ärzten, die arabisch sprechen und verstehen. Bis nach Wilhelmshaven habe man gesucht, erinnert sich Vera Ibelings noch gut. Aus diesem anfänglichen Engagement ist die Flüchtlingsinitiative Hatten geworden, die 2018 den Niedersachsenpreis für Bürgerengagement „Unbezahlbar und freiwillig“ erhalten hat.

Seit Januar 2016 haben die beiden Ehepaare ein eigenes Büro im Haus der Evangelischen Freien Gemeinde, Ludwig-Erhard-Str. 2, das anfangs an jedem Freitag, mittlerweile alle 14 Tage öffnet – in unmittelbarer Nachbarschaft zur Hatter Tafel. In den ersten Jahren saßen die Ratsuchenden, geduldig wartend, bis um 20 Uhr vor der Tür.

Rainer Burchardt, der als Rechtsanwalt das nötige Know-how mitbringt, kämpft sich mit juristischem Sachverstand durch Schriftstücke, wie sie vor allem Behörden gerne verschicken. Eine Whatsapp-Gruppe hilft mittlerweile beim raschen Verbreiten der wichtigsten Informationen.

Bis heute können die Ehrenamtlichen nur schwer bürokratische Hindernisse akzeptieren. Zum Beispiel beim Wechsel der von ihnen betreuten Menschen von der Gemeinde in die Stadt Oldenburg. „Dann muss vieles erneut ausgefüllt werden, was längst schon in Hatten passiert ist“, ärgert sich Vera Ibelings. Das ist kein Einzelfall. Etwa 40 Familien sind in den vergangenen Jahren von Hatten nach Oldenburg abgewandert, etwa 20 Prozent.

Problem Behördenbriefe

Längst spricht und versteht George Lazar (61) so gut Deutsch, dass er die Ehrenamtlichen als Dolmetscher unterstützt. Aber auch er kann nicht verhindern, dass immer wieder Probleme entstehen. Zum Beispiel, wenn die Gebühreneinzugszentrale Zahlungen von mehreren hundert Euro einfordert. Oder wenn hohe Rückzahlungen an die Familienkasse fällig werden, weil sich die Betreuten bei Umzügen nicht rechtzeitig ummelden. „Viele können sich mittlerweile zwar gut mündlich ausdrücken, aber das Schreiben und Lesen – vor allem von Behördenschreiben – fällt ihnen sehr schwer“, fasst Rainer Burchardt die Erfahrungen zusammen. Er erklärt den Betroffenen als erstes einmal die rechtlichen Zusammenhänge, setzt Schreiben auf, kämpft zumindest um leistbare Ratenrückzahlungen.

Das aktuell größte Problem sind Ehen, die nicht mehr anerkannt werden, weil die Originalbestätigung aus den Heimatländern fehlt. Seit dem 1. Mai 2019 entscheiden deutsche Behörden laut Burchardt in dieser Frage deutlich härter als zuvor. Solche Probleme nachträglich zu heilen, ist mindestens mit hohen Kosten möglich, oft auch gar nicht.

Das Ergebnis: Die geflüchteten Menschen finden zwar Arbeit, verdienen unterm Strich durch das Rutschen von Steuerklasse eins in Klasse drei aber so viel weniger, „dass sich Arbeit scheinbar gar nicht lohnt“, so Burchardt. „Das steht zentral einer Integration der Menschen entgegen“, sagt er und schüttelt verständnislos den Kopf. Es scheint, der Einsatz der Ehrenamtlichen wird noch lange nicht überflüssig werden.

Werner Fademrecht Hatten / Redaktion Wardenburg
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