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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Politik

Vom „Geschäft“ mit dem Lebensende

19.10.2016
Frage: Was ist der Schwerpunkt Ihres Vortrages am 4. November?
Matthias Thöns: Es geht um das Problem der Übertherapie am Lebensende. Da werden Menschen am Lebensende teils operiert, chemotherapiert oder bestrahlt, obgleich sie davon keinen Nutzen mehr haben. Diese Behandlungen sind in hohem Maße belastend für den Sterbenskranken. Leider bestehen hohe finanzielle Fehlanreize, die diese Medizin belohnen. Da wurde vor circa zehn Jahren das Vergütungssystem der Kliniken von einer Kostenerstattung auf Gewinn bei schweren Diagnosen und großen Eingriffen umgestellt. Und genau die haben Sterbenskranke – und sie wehren sich nicht gegen die vorgeschlagenen Therapien.
Frage: Nennen Sie einmal ein Beispiel – wo gibt es Probleme?
Thöns: Es gibt immer mehr große Eingriffe bei Sterbenskranken und gehen sie schief, geht es halt anschließend mit Apparatemedizin nach Hause. Gab es 2003 noch 500 Patienten mit derartiger Intensivmedizin zuhause, so sind es heutzutage über 15 000. Das liegt nach meiner Ansicht an den sehr hohen Vergütungen für diese Medizin, die teils bei über 25 000 Euro € pro Monat liegen. Dass dies die allermeisten Menschen für sich nicht wünschen, scheint dabei keine echte Rolle zu spielen.
Dr. Matthias Thöns BILD: Marion Nelle

Kartenvorverkauf für Lesung gestartet

Der Verein Musik und Kunst (Muk) Großenkneten hat Dr. Matthias Thöns mit seinem Buch „Patient ohne Verfügung“ für eine Vortragsveranstaltung in der Gemeinde Großenkneten gewonnen. Thöns hält seinen Vortrag am Freitag, 4. November, 20 Uhr, im Landhaus Otte, Garreler Straße, in Sage-Haast. Einlass ist ab 19 Uhr.

Karten gibt es im Vorverkauf im Landhaus Otte in Sage, bei Papierwaren Dieken in Großenkneten, Schreibwaren Kirchgeorg in Ahlhorn, Fahrrad Wiese in Huntlosen sowie in der Stadt Wildeshausen in der Gilde-Buchhandlung und der Buchhandlung Bökers am Markt. Die Karten kosten im Vorverkauf zehn Euro, an der Abendkasse am 4. November zwölf Euro.

Matthias Thöns, geboren 1967 in Witten, ist Anästhesist und seit 1998 als niedergelassener Palliativmediziner tätig. Er ist stellvertretender Sprecher der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und war Sachverständiger im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestags zur Sterbehilfe-Debatte. Sein Anliegen vertrat er unter anderem bereits im ZDF bei Markus Lanz, im Spiegel und in der ZEIT. Aktuell ist er mit seinem Buch in der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher vertreten.

Frage: Worauf sollten Angehörige von Schwerkranken achten?
Thöns: Vor kritischen beziehungsweise großen Eingriffen sollte man sich unbedingt eine Zweitmeinung einholen, zum Beispiel vom Hausarzt. Der kennt Patient und Familie, und gute Hausärzte schützen eben auch vor unsinniger Medizin. Jüngere Zahlen aus Bayern zeigen, dass durch das Prinzip „erst zum Hausarzt“ rund 4000 Herzeingriffe pro Jahr vermieden werden. Es geht mir nicht um Kostenersparnis, sondern um Vermeidung nutzloser Medizin. Denn die Bayern sind bei den ersparten Eingriffen nicht ungesünder als der Rest der Republik.
Frage: Welche gesetzlichen Änderungen gibt es bei Patientenverfügungen? Muss ich unbedingt einen Anwalt nehmen?
Thöns: Leider gibt es da ein unglückliches Urteil vom Bundesgerichtshof aus 07/2016: Dieser hat hohe Formvorgaben für Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten beschlossen. Werden sie nicht beachtet, hilft die Patientenverfügung im Streitfall gar nicht. Und genau dafür macht man sie ja. Wenn Einigkeit besteht, braucht es keine Dokumente. Hierzu gibt es aktuelle Tipps, einen Anwalt braucht man nicht. Auch hier ist es besser, seinen Hausarzt zu fragen.
Frage: Was sollte sich ändern?
Thöns: Politik und Krankenkassen müssen die Fehlanreize abbauen, sonst fährt das System gegen die Wand. Auch braucht das Gesundheitswesen mehr Transparenz. Es ist unverständlich, dass man beim Kauf eines Sparbriefes vorher darauf hingewiesen werden muss, wie viel Provision der Bankberater erhält. Bei einem Chefarzt, der vielleicht für bestimmte Operationen einen Bonus bekommt oder einen Krebsmediziner, der bei bestimmten Chemotherapien durch sogenannte Anwendungsbeobachtungen teils mehrere 1000 Euro € kassiert, erfährt man nichts. Das verstehe wer wolle.

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