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Untersuchungen in Schweden eingestellt

NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Politik

Im Bürgerkrieg schweigen die Gesetze

18.07.2019

Wildeshausen Der Ausbruch des Bürgerkriegs im Kosovo liegt mehr als 20 Jahre zurück. Doch die Gräueltaten sind noch so nah, als wären sie erst gestern geschehen. „Im Krieg schweigen die Gesetze.“ Das ist eine der Lebensweisheiten, die Sabahat Turbedar mit nach Wildeshausen, ihre neue Heimat, gebracht hat. Hier gilt die Familie Turbedar inzwischen als voll integriert.

In Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, hatten sich Sabahat Turbedar und ihr Mann einen bescheidenen Wohlstand aufgebaut. Er hatte als Lackierer viel zu tun, sie studierte bis zur Geburt der Kinder Philosophie. „Wir hatten sieben Ethnien in Pristina. Alle haben friedlich zusammengelebt“, erzählt sie. Dann kam der Bürgerkrieg. Ihr Mann, ein Serbe, musste für die Armee Panzer lackieren. Unter Tränen berichtet Sabahat Turbedar, wie Bomben unmittelbar neben ihrem Haus explodierten, wie die Kinder nächtelang schrien. Sie erzählt, wie ihre beste Freundin getötet und Angehörige in den Suizid getrieben wurden, weil sie alles verloren hatten oder brutal misshandelt worden waren. Die Familie entschied, nach Deutschland zu fliehen.

Im Winter 1999 kamen die Turbedars nach Wildeshausen – und fingen bei Null an. Weil es noch keine Integrations- oder Sprachkurse gab, wie sie heute für Geflüchtete angeboten werden, waren Sabahat Turbedar und ihr Mann zum Nichtstun verdammt. „Die ersten drei Jahre waren schrecklich“, berichtet die Neubürgerin. Sie war ständig krank und depressiv. Weihnachten hatte die Familie den Tannenbaum geschmückt, aber den ganzen Abend aus Heimweh nur geweint. Allein eine Katze, „Catie“ genannt, habe ihre Mädchen aufgeheitert. Dankbar sei sie aber für die gute Nachbarschaft in der Wildeshauser Bergstraße: So seien Horst und Eva Gerlach wie Großeltern für ihre vier Mädchen gewesen.

Schritt für Schritt integrierten sich die Turbedars, bauten sich mit viel Fleiß und Disziplin ein neues Zuhause auf. Gemeinsam mit ihren Töchtern lernte Sabahat Turbedar Deutsch. Alles Neue, was sie gelernt habe, sei wie ein Triumph über den Krieg in der alten Heimat gewesen. Und sie lernte eine weitere Sprache: Bulgarisch. Hauptschulleiterin Dorit Hielscher hatte Sabahat Turbedar angesprochen, ob sie nicht bulgarische Familien unterstützen könne. Und sie half. Die 52-jährige, weltoffene Muslimin begleitete Bulgaren zu Ärzten, Behörden oder zum Einkauf. „Ich war überall.“ Etlichen bulgarischen Frauen habe sie bei der Entbindung beigestanden. Die Hilfe für andere sei wie eine Therapie gewesen, sagt Sabahat Turbedar. Sie fand zwar viel Anerkennung für ihre Leistung, doch die Zeitverträge wurden letztlich nicht mehr verlängert.

Und, keineswegs nebenbei, meisterte sie die Familie. Zu Recht ist die belesene Frau stolz auf ihre Töchter: Gjeylan (29), die eigentlich Pilotin werden wollte, hat studiert und arbeitet nun als Sozialpädagogin in Bremen. Aysel (25) ist für den Pflegedienst Johanneum tätig. Elsa (21) und Eda (16) besuchen das Berufliche Gymnasium.

Ihre neue Heimat loben sie in höchsten Tönen. Sie sei froh, dass in Deutschland Tugenden wie Respekt, Ordnung, aber auch Gelassenheit herrschten, sagt die Geflüchtete, die selbst zur Integrationshelferin wurde. „Ich bin dankbar, in diesem Land gelandet zu sein.“ Schon dreimal sollte die Familie abgeschoben werden, doch das scheint aufgrund der Krankheit von Sabahat Turbedar kein Thema mehr. Vielmehr arbeiten Mutter und Töchter auf eine Einbürgerung hin, die aber viel Geld kosten soll – auch weil das Kosovo die Familie erst aus der alten Staatsbürgerschaft entlassen muss. Ihre jüngste Tochter, Eda, spare dafür jeden Cent.

Die Erfahrungen des Bürgerkriegs, Flucht und Vertreibung machen Sabahat Turbedar aber auch nachdenklich bezüglich des gesellschaftlichen Diskurses in ihrer neuen Heimat: „Wir müssen auf Deutschland aufpassen.“ Freiheit sei nicht selbstverständlich, weiß sie.

Stefan Idel Redaktionsleitung / Redaktion Wildeshausen
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