Landkreis - Zu niedrige Lebensmittel- und Erzeugerpreise, umstrittenes Klimaschutzpaket, einschränkende Düngeverordnung: Wenn Renke von Seggern anfängt, die Sorgen der Landwirtschaft aufzuzählen, verwundert es wenig, dass für die Protestaktion in Berlin gleich eine ganze Woche eingeplant ist. An diesem Montag starten nach Angaben des Landwirts aus Dingstede 25 Schlepper aus dem Landkreis Oldenburg in die Hauptstadt.
Ministerien ansteuern
„Aktuell gehen wir davon aus, dass 2000 Schlepper immer vor Ort sein werden“, erklärt von Seggern. In Berlin angekommen, wollen die Landwirte aus ganz Deutschland eine Woche lang täglich an drei bis vier verschiedenen Orten protestieren – entweder zu Fuß oder mit den Traktoren. „Jeden Tag sind neue Aktionen geplant: Wir fahren auch mehrere Ministerien an“, erklärt der Dingsteder. Natürlich würden die Demonstranten auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) einen Besuch abstatten.
Die Demonstrationen der Landwirte in Berlin, die in den kommenden Tagen stattfinden, werden von mehreren Verbänden organisiert: Land schafft Verbindung, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Bundesverband Deutscher Milchviehhalter, Freie Bauern und Basisbauern.
Im November 2019 demonstrierten Landwirte gegen die Politik in Hamburg, noch im selben Monat folgte die Sternfahrt nach Berlin – jeweils mehrere tausend Teilnehmer waren dabei.
Im Jahr 2020 folgten weitere Proteste: Im Januar fuhren allein aus dem Landkreis mehrere hundert Bauern nach Bremen, um dort an der 4000 Teilnehmer starken Protest-Aktion teilzunehmen. Am 11. November steuerten Landwirte bundesweit unter dem Motto „Schluss mit lustig“ Betriebe an, die landwirtschaftliche Erzeugnisse verarbeiten und vermarkten, um Forderungspapiere zu überreichen. Es folgte ein Protest, ausgelöst durch die Senkung der Butterpreise, vor dem Aldi-Zentrallager im Dezember im Landkreis Leer. Zwischenzeitlich war von 500 Schleppern die Rede – davon allein 70 aus dem Landkreis.
An diesem Montagmorgen starten die Schlepper aus dem Landkreis laut von Seggern in zwei Konvois. Da die Landwirte ausschließlich über Land fahren, schätzt der Dingsteder, dass die Fahrzeit zwölf Stunden beträgt. In Syke würden fünf Teilnehmer hinzukommen, auch in Wolfsburg werde eine Kolonne dazustoßen. In einem Hotel in Döberitz werden sie unterkommen, da das coronabedingte Beherbergungsverbot nur für Touristen gelte, so von Seggern. Unter anderem moniert der Dingsteder die Neufassung der TA Luft (technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft) des Bundeskabinetts: Um die Anforderungen zu erfüllen, müsste die Landwirtschaft heruntergefahren werden.
Verbraucher gefordert
Die Emissionen in Rinderställen könnten beispielsweise nicht durch eine Filteranlage gemindert werden, „es ginge nur durch eine Reduzierung der Tiere“, moniert er. „Es gibt die Faustregel: Für jeden Hektar, der aus der Produktion genommen wird, brennen fünf Hektar Regenwald ab, um das zu kompensieren – demnach müssten die Verbraucher mit uns auf die Straße gehen.“
Insbesondere eine gerechtere Entlohnung der Landwirte für ihre unter höheren Auflagen erzeugten Produkte treibt Ingo Claußen um. Der Milchviehhalter aus Holzkamp wird mit seinem Schlepper ebenfalls nach Berlin fahren, um an die Bundespolitik zu appellieren. Statt staatlicher Hilfen wünscht er sich Rahmenbedingungen für höhere Erlöse.
Die Milchkühe zuhause in der Gemeinde Ganderkesee weiß Claußen auch während seiner Abwesenheit gut betreut. „Ein Angestellter und eine Aushilfe halten die Stellung“, berichtet er. Trotzdem werde er sich zusammen mit einigen Kollegen bereits am Donnerstag auf den Heimweg begeben. Eine längere Abwesenheit lasse der Betrieb nicht zu. Claußen hofft, dass sich der Ritt nach Berlin lohnt und den Politikern „doch noch die Augen aufgehen“.

