Sandkrug/Oldenburg - Viel Sonne, ab und zu Regen: Die Voraussetzungen für eine reiche Ernte auf der Biolandgärtnerei Erdfrüchte in Sandkrug waren in den vergangenen Wochen zweifellos gegeben. Was manchen Salat auf dem freien Feld betrifft, sogar zu gut. Nicht alles ließ sich rechtzeitig verkaufen. Peter Kluin, gemeinsam mit Hille Hartmann, Inhaber des Hofes, sagt: „Früher hätten wir einen Teil der Ernte unterpflügen müssen.“
Heute ist das zum Glück anders – und das hat mit vier Frauen zu tun, die gemeinsam mit dem Gärtnermeister für Gemüsebau verabredet sind. Ulrike Hellmers, Barbara Lascheit, Anja Lauckner und Marina Braukmann sind gekommen, um den Gemüseüberschuss direkt aus dem Acker zu holen. Sie tun dies für Foodsharing, eine bundesweite Non-Profit-Initiative, die es sich zum Ziel gesetzt hat, „Lebensmittel vor der Tonne zu bewahren“, wie Barbara Lascheit es formuliert.
Der Kontakt zwischen Erdfrüchte und der u.a. in Oldenburg angesiedelten Initiative besteht schon seit längerem. Immer zum Ende des Bauernmarktes an der Lambertikirche und des Wochenmarktes auf dem Pferdemarkt überlässt der Biolandhof Gemüse, das nicht verkauft wurde, der Initiative. Als Konkurrenz zur Tafel sieht sich Foodsharing nicht. „Wir nehmen das, was die Tafel nicht abnehmen würde“, betont Lascheit. Verteilt werden diese Reste an Menschen, die die Idee aktiv unterstützen wollen, etwas gegen die große Lebensmittelverschwendung in Deutschland zu unternehmen.
Lebensmittel im Müll
Essensreste, Brot, Joghurt: In Deutschland landen jährlich fast 13 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall. Allein in Privathaushalten werfen Menschen durchschnittlich 85,2 Kilogramm Essen im Jahr weg. Das zeigen Berechnungen der Universität Stuttgart, die sich auf das Jahr 2015 beziehen.
Über große WhatsApp- und Telegram-Gruppen läuft die Kommunikation. Jeder, der Interesse hat, kann sich melden, unabhängig von seiner wirtschaftlichen Situation. Foodsharing gehe es um Nachhaltigkeit, nicht um Bedürftigkeit, so Lascheit. Verteilstationen („Fairteiler“) sind die Carl-von-Ossietzky-Universität-Oldenburg, das Abendgymnasium/Kolleg Oldenburg, die Kulturetage sowie der erste externe Fairteiler am Mühlenhofsweg 94, wo eine zwei Meter große, lange Kiste täglich gefüllt und gereinigt wird. In Corona-Zeiten ist derzeit nur letztere aktiv.
Foodsharing ist eine vor acht Jahren in Berlin entstandene Initiative gegen die Lebensmittelverschwendung, welche Lebensmittel „rettet“, die ansonsten auf dem Abfall landen würde. Über 200 000 registrierte Nutzer in Deutschland/Österreich/Schweiz, und über 25 000 Freiwillige, sogenannte Foodsaver, machen diese Initiative mittlerweile zu einer internationalen Bewegung.
Es kooperieren nach Angaben der Initiative mehr als 3000 Betriebe, bei denen bisher schon 7,8 Millionen Kilogramm Lebensmittel vor der Verschwendung bewahrt worden sind. Täglich finden etwa 1000 Termine statt, in denen Lebensmittel vorm Wegwerfen bewahrt werden.
Die Biolandgärtnerei Erdfrüchte ist dienstags, freitags und samstags auf dem Rathausmarkt bzw. dem Bauernmarkt auf dem Pferdemarkt in Oldenburg mit einem Stand vertreten.
Seit nunmehr 35 Jahren wird von Hille Hartmann und Peter Kluin Gemüsebau am Landschulheimweg 14 in Sandkrug betrieben. Seit 1986 trägt die Erdfrüchte GbR das „Bioland“-Label. Die Gesamtfläche des Betriebes beträgt drei Hektar, davon stehen zwei Hektar dem Freiland-Gemüsebau zur Verfügung.
Über 30 Gemüsesorten
Auf weiteren 2400 m² wächst besonders empfindliches Gemüse in Glashäusern bzw. unter Folie. Mehr als 30 Gemüsesorten können so in Sandkrug heranreifen. Komplett eingerahmt wird der Betrieb von einer kilometerlangen Naturschutzhecke, die in enger Zusammenarbeit mit dem Naturschutzbund entstanden ist. Nachhaltigkeit anderer Art treibt die Foodsaver (Lebensmittelretter) um. „Es macht einfach viel Freude sich dafür zu engagieren, dass nichts weggeschmissen werden muss“, sagt Ulrike Hellmers. Positiver Nebeneffekt: Im Zusammenhang mit dem Bewahren verderblicher Lebensmittel vor der Mülltonne habe man auch einige neue Rezepte kennengelernt, erzählen die Frauen.
