Sandkrug/Streekermoor - Stephan Behrens (47) engagiert sich seit 31 Jahren in der Freiwilligen Feuerwehr Sandkrug. Neben Bränden hat er die Folgen so einiger schwerer Unfälle aus unmittelbarer Nähe miterlebt. Der Familienvater weiß nur zu gut, wie wichtig eine schnelle und kompetente medizinische Notfallversorgung sein kann.
Kein Wunder, dass er hellhörig wird, wenn beim Thema Zukunft der Notfalldienste im Landkreis Oldenburg Formulierungen wie „Umstrukturierungsprozess“, „Synergieeffekte nutzen“ und „grenzübergreifende Bedarfsplanung“ zu lesen sind. „Ich werde das Gefühl nicht los, dass Bürgern Einsparungen als höhere Qualität verkauft werden sollen.“
Rund um die Uhr
Beispiel Notarzt: Noch ist in Sandkrug rund um die Uhr ein Notarzt vor Ort. Ob das auch künftig so sein wird, 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche? Diese Frage hat im September der Sozialausschuss der Gemeinde Hatten dem Leiter des Rettungsdienstes auf Kreisebene, Jörn Kaminski, gestellt. „Es hat bisher weder politische Beratungen noch eine Entscheidung in der Sache gegeben“, so dessen Antwort in öffentlicher Sitzung. Ein klares, beruhigendes Ja hört sich anders an, findet nicht nur Behrens. Viele Hatter Kommunalpolitiker hätten sich ebenfalls eine eindeutigere Antwort gewünscht. Das war damals deutlich zu spüren.
Andere Landkreise hätten in der Frage künftiger Notarztstandorte rechtzeitig Fixpunkte gesetzt, ist Behrens überzeugt. Im Landkreis Oldenburg sei das dagegen versäumt worden. Das führe zwangsläufig zu erheblicher Verunsicherung.
Das Notarzteinsatzfahrzeug – so die offizielle Bezeichnung – startet von Sandkrug aus üblicherweise 1350-mal in einem Jahr. Das macht rein rechnerisch drei bis vier Einsätze am Tag.
Der Einsatzbereich, den das an der Bümmersteder Straße, nahe der Autobahn 29 stationierte Fahrzeug abdeckt, reicht von den gesamten Gemeinden Hatten und Wardenburg bis zu Teilen Großenknetens und der Stadt Oldenburg.
Ein Notarzt hat viel weitreichendere Kompetenzen als ein Rettungsassistent/Notfallsanitäter. Dazu zählt zum Beispiel die Erlaubnis der Gabe von Medikamenten, die das Herz und damit auch den Blut-Kreislauf beeinflussen.
Oliver Galeotti, Pressesprecher des Landkreises Oldenburg, Träger des Rettungsdienstes, sagt auf Nachfrage: „Das Thema Rettungsdienst geht noch im ersten Quartal 2021 in die politischen Beratungen. Solange das nicht geschehen ist, wird sich an der Versorgung auch nichts verändern.“
In Kreisen der Rettungsdienste gilt es zumindest als nicht unwahrscheinlich, dass in Zukunft Notärzte nur noch halbtags in Sandkrug stationiert sein könnten und den Rest der Zeit in der Stadt Oldenburg – siehe „grenzübergreifende Bedarfsplanung“.
Behrens macht aufgrund seiner Erfahrungen eine einfache Rechnung auf: Angenommen, es gäbe bei Dunkelheit einen schweren Verkehrsunfall bei Kirchhatten, mit zwei beteiligten Autos, vier schwer bis lebensgefährlich Verletzten: Wie schnell könnte ein Notarztfahrzeug vor Ort sein?
Am schnellsten wäre – wenn Sandkrug nachts nicht mehr besetzt sei – ein Notarzt aus Wildeshausen am Einsatzort (etwa 19 Minuten). Sein Kollege aus Oldenburg würde es vielleicht in 22 Minuten nach der Alarmierung schaffen. Der dritte Wagen aus Delmenhorst bräuchte schon deutlich länger, und Hubschrauber könnten nachts überhaupt nicht einspringen.
Lange Anfahrtswege
„Und was passiert eigentlich, wenn in solch einer Situation ein Notruf wegen des Verdachts auf einen Herzinfarkt in Wildeshausen kommt?“, fragt sich Behrens. Dann bliebe doch der Großleitstelle nur noch die Chance, einen Notarzt oder Rettungswagen aus dem Nachbarlandkreis Cloppenburg loszuschicken. „Das dauert ewig, bis die da sind“, fürchtet der Streekermoorer.
Vor gut 20 Jahren hat der Landkreis Oldenburg Sandkrug zu einem vollwertigen Notarztstandort gemacht. Vorher musste sich der Rettungsdienst mit Ehrenamtlichen und Vertragsärzten behelfen. Wird das Rad nun bei wachsender Bevölkerung wieder zurückgedreht?
Behrens: „Ich habe ernsthaft Sorge, dass ich im Ernstfall nicht mehr medizinisch ausreichend versorgt werde.“ Bevölkerung und Politiker müssten wachsam sein, lautet Behrens’ Appell. Denn eines sei klar: Wenn das Notarztfahrzeug erst mal aus Sandkrug abgezogen sei, komme es nie wieder.
Jörn Kaminski sagt auch zu Beginn des neuen Jahres auf Nachfrage zu diesem Thema dasselbe: „Der Standort steht nicht infrage und bislang gibt es auch keine politische Entscheidung.“ Man wolle den Rettungsdienst modernisieren und zukunftsfähig gestalten, sicherlich nicht verschlechtern. Er betont: „Wir machen aus den Beratungen kein Geheimnis. Nur: Wenn es nichts Neues gibt, kann ich auch nichts berichten.“
