Ganderkesee - Mittwoch, der 2. März 2022. Die Invasion der russischen Truppen in die Ukraine liegt gerade ein paar Tage zurück – am 24. Februar 2022 hatte der groß angelegte Angriff Russlands begonnen. Der Hilfstransport von Andreas Lange und Klaus Heinrich macht sich auf den Weg von Ganderkesee in eine Flüchtlingsunterkunft im polnischen Rejowiec nahe Chelm. An Bord haben die beiden Unternehmer rund 20 Tonnen an Hilfsgütern.
Auch heute noch ist Lange, Geschäftsführer von [k]nord in Ganderkesee, überwältigt von der Welle an Unterstützung, die die Ganderkeseer der Aktion damals entgegenbrachten. „Ganderkesee hilft“ entstand, nachdem die Delmenhorsterin Ilona Mucha auf Heinrich, Geschäftsführer der Firma Glas Becker in Delmenhorst, zukam. Ihre Schwester lebt in der Nähe von Rejowiec und beobachtete, wie die ersten ukrainischen Geflüchteten in Polen ankamen. Heinrich und Lange machten sich daran, einen Transport von Hilfsgütern für die Geflüchteten möglichst schnell auf die Beine zu stellen und starteten einen Aufruf über WhatsApp.
Mit der Rückmeldung hätten sie nie gerechnet: Insgesamt rund 120 Tonnen kamen während der Aktion zusammen. Mehrere Transporter fanden in den ersten Monaten des Krieges ihren Weg von Ganderkesee nach Rejowiec. Zudem sammelte man 40.000 Euro für die Flüchtlingsunterkunft. Große Firmen der Region schlossen sich tatkräftig an. „Doch weit nennenswerter sind die Privatpersonen: Die, die teils mit dem Fahrrad zu uns fuhren, um Dinge abzugeben, die extra für die Aktion Sachen kauften und stunden- bis tagelang beim Sortieren halfen“, sagt Lange.
Auf den Weg nach Polen schloss sich „Ganderkesee hilft“ dem Deutschen Roten Kreuz an.
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Der [k]nord-Transporter aus Ganderkesee zwischen dem Konvoi des Deutschen Roten Kreuzes.
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Bei der Flüchtlingsunterkunft angekommen kümmerten sich sofort die polnischen Anwohner um das Abladen und Sortieren.
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Bilder aus der Flüchtlingsunterkunft in Rejowiec.
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Andreas Lange heute: Der Geschäftsführer von [k]nord hat die Erinnerungen an den Hilfstransport in einem Bilderrahmen verewigt.
Sabrina HolthausEinzigartige Erinnerungen
In kürzester Zeit war der erste Transport damals abfahrbereit und Lange und Heinrich machten sich mit Mitarbeitern, die sich freiwillig für die Reise meldeten, auf den Weg. Auf ihrer Reise schlossen sie sich dem ersten Hilfskonvoi des Deutschen Roten Kreuzes an. Lange: „Wir gehörten zu den Ersten vor Ort.“ Die Erlebnisse in Rejowiec, so der 61-Jährige, werde er nicht vergessen. Als ihr Transporter um 11.30 Uhr nachts ankam, waren sofort zahlreiche Helfer versammelt, um die Güter abzuladen und zu sortieren. „Die Menschen des Ortes, der nur rund halb so groß wie Ganderkesee ist, haben sich zu hundert Prozent um die Geflüchteten gekümmert“, berichtet Lange.
Er erinnert sich aber auch an die große Unsicherheit, als die Invasion gerade erst begonnen hatte und noch niemand wirklich wusste, was jetzt geschah. Die Frauen im Flüchtlingsheim hatten ihr Haus aufgeben, ihre Männer zurücklassen und ihre Kinder über die Grenze bringen müssen. Eine Geschichte beeindruckte den Ganderkeseer damals besonders. „Eine unheimlich talentierte 14-Jährige war ganz alleine nach Polen gekommen. Sie sprach mehrere Sprachen, darunter auch Englisch und Deutsch und kümmerte sich sehr gut um die Kinder.“
„Würde es sofort wieder machen“
Als die professionellen Hilfsorganisationen später ihre Versorgungssysteme etabliert hatten, gaben Lange und Heinrich die Ukrainehilfe „an die Profis“ ab. Lange: „Das ist ja eigentlich gar nicht unser Gesellschaftszweck, wir haben uns immer als eine Ersthilfe verstanden.“ Dennoch stehen sie weiterhin mit Rejowiec im Kontakt. Anfang des Jahres wurde die Notunterkunft abgebaut, die Menschen sind in andere Wohnverhältnisse verteilt worden oder wieder in die Ukraine zurückgekehrt.
In Langes Büro hängt heute ein Bilderrahmen mit Fotos von der Reise nach Polen. Für den Unternehmer war es eine aufregende Zeit und eine bemerkenswerte Aktion. Er ist sich sicher: „Ich würde so ein Projekt sofort wieder machen.“
