Wildeshausen - Als in der Nacht des 24. Februar russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, fassten Oksana Martemianova und Kateryna Lukashenko sofort den Entschluss: „Wir machen das“. Dass die beiden Schwestern ukrainischen Flüchtlingen in Deutschland helfen würden, stand außer Frage. Die Freiwilligenagentur Wildeshausen half dabei, den Kontakt herzustellen. Heute engagiert sich die 37-jährige Oksana erfolgreich an der Hauptschule.
Integration als Ziel
Anders als zahlreiche andere Ukrainer befanden sich Oksana und Kateryna zur Zeit des russischen Überfalls bereits in Deutschland – Oksana seit fünf Jahren, ihre Schwester seit 18 Jahren. Sie verließen die Ukraine freiwillig. An der Hauptschule hilft Oksana seit dem Herbst 2022 aus. Jeden Donnerstag verbringt sie 90 Minuten mit zwölf ukrainischen Schülern im Alter von acht bis 15 Jahren. Auf dem Programm stehen sprachbildende Maßnahmen, zu denen neben der Wortschatzarbeit auch das gemeinsame Spielen, Basteln oder Keksebacken gehören – ganz nach dem Motto: „Sprache ist gut, verstehen ist besser.“ Das Ziel ist es, den Schülern dabei zu helfen, im Schulalltag zurechtzukommen und sie in die deutsche Kultur zu integrieren – und das mit Erfolg.
„Die Kinder lieben Oksana“, erzählt Dr. Andreas Everinghoff, Schulleiter der Hauptschule Wildeshausen. Mit ihrer wunderbaren, dezenten und einfühlsamen Art sei sie eine wahre Bereicherung für den Unterricht und zur rechten Zeit gekommen. „Ich weiß nicht, was wir ohne sie getan hätten“, fügt er ernst hinzu. Übersetzer auf dem Handy und brüchige Englischkenntnisse seien nicht genug gewesen, um ein Vertrauensverhältnis mit den Kindern aus der Ukraine aufzubauen. Also wandte sich Everinghoff mit einer Anfrage wegen ehrenamtlicher Unterstützung an die Freiwilligenagentur Wildeshausen, mit der auch Oksana und Kateryna zusammenarbeiten. Sie gehören zu einer Gruppe von insgesamt 30 Personen, die Ukraine-Hilfe leisten. Nur sechs bis sieben dieser 30 Personen sprechen Ukrainisch oder Russisch.
Zukunftsperspektiven
Die Nachfrage nach Unterstützung im Frühjahr 2022 sei groß gewesen, berichtet Thorben Kienert, Leiter der Freiwilligenagentur Wildeshausen. Nicht ohne Grund: Den Kindern trotz der Sprachbarriere die nötige Zuwendung entgegenzubringen, sei eine Herausforderung gewesen, so Everinghoff. Der Krieg habe den Schülerinnen und Schülern ihre Zukunftsperspektiven geraubt: „Die Kinder leiden, weil ihre Lebensplanung weg ist“. Oksana ist für sie ein Licht im Dunklen: Laut Everinghoff zeigen sich die Schüler motivierter und freunden sich langsam, aber sicher mit der Idee an, eine Weiterbildung in Deutschland anzustreben.
Unabhängig davon, ob sich die Familien der Kinder dafür entscheiden, in die Ukraine zurückzukehren oder ein Leben in Deutschland aufzubauen, ist es Oksana und Kateryna wichtig, ihnen Perspektiven zu geben. Gelerntes, so Kateryna, sei schließlich kein Koffer, den man mitschleppen müsse. „Es bleibt hier“, sagt sie und tippt sich an die Stirn. Neue Eindrücke nehmen auch die Schwestern aus ihrer ehrenamtlichen Arbeit mit. „Manchmal ist es schwer, manchmal lustig“, erzählt Oksana, doch am Ende des Tages sei sie immer glücklich. Die Leidenschaft der Schwestern ist nicht zu übersehen: Auf die Frage, wie lange sie sich noch ehrenamtlich engagieren werden, kommt eine einfache Antwort: Am liebsten, bis der Krieg vorbei ist.
