Ganderkesee - In einem halbfertigen Haus im Gewerbegebiet an der Westtangente in Ganderkesee würde man nicht unbedingt einen florierenden Versandhandel vermuten. Doch von hier, aus seiner Wohnung im ersten Stock heraus, vertreibt Niklas Pistorius Sammelkarten von „Pokémon“, „Yu-Gi-Oh!“, „Digimon“ und Co. über sein Online-Unternehmen „Item Champ“. Es ist ein Nebenerwerb, den sich der 28-Jährige seit Januar 2021 aufgebaut hat zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Bianca Oschatz.
Als Wertanlage
Angefangen mit einem Budget von 500 Euro, schätzt Pistorius die Umsätze des laufenden Jahres auf rund 200.000 Euro. In seinem aktuellen Bestand, der mit einem Gesamtwert von 40.000 Euro mehrere Regale füllt, gäbe es einzelne Karten, die allein schon 500 Euro kosten, sagt er. Als Kind hat Pistorius wie viele seiner Generation mehr aus Spaß gesammelt und getauscht. So manche in der Hosentasche vergessene Karte sei dabei der Waschmaschine zum Opfer gefallen, erinnert er sich.
In diesen Regalen lagern Sammelkarten im Wert von insgesamt rund 40.000 Euro. BILD: Thilo Schröder
Wer heute für Sammelkarten viel Geld ausgebe, sehe darin jedoch vor allem eine Wertanlage; manche Kunden investierten fünfstellige Beträge im Monat, sagt Pistorius. Anders als bei Kryptowährungen wie Bitcoin bestehe zu den Karten eine emotionale Verbindung. Begonnen habe der Wirbel um Sammelkarten, als der amerikanische Social-Media-Star Logan Paul Ende 2020 live vor der Kamera eine Pokémon-Box öffnete. Die Preise seien seitdem stark gestiegen. Manche gehandelten Exemplare, gerade die älteren aus Japan, dem Geburtsland solcher Kartenspiele, erzielten später Milliardenbeträge. Wer wie er früh auf die Erfolgswelle aufsprang, der könne nun profitieren.
Auch Pistorius verkauft nicht nur Kartensets, sondern enthüllt diese auch regelmäßig live auf dem Streamingportal Twitch. Durchschnittlich dreimal pro Woche streame er für rund drei bis vier Stunden, sagt er. Vor der Kamera packt Pistorius die von seinen Kunden erworbenen, aber auch eigens zusammengestellte Kartensets aus („Unboxing“), bevor diese sie zugeschickt bekommen. Zudem gibt er Tipps zur wahrscheinlichen Preis- und Beliebtheitsentwicklung der Karten.
Mit Expertise überzeugen
Zentral für die Rolle, die er dabei einnimmt, ist es, sich gut auszukennen: Von den derzeit rund 1000 Pokémon-Monstern etwa könne er 80 bis 90 Prozent auf Anhieb benennen, schätzt Pistorius. Auf Twitch veranstaltet er außerdem Duelle („Battles“), bei denen der Gewinner ein Extraset gewinnt, sowie Gewinnspiele und Pokémon-Bingo.
Würden er und Oschatz den Onlineshop samt Streaming hauptberuflich betreiben, könnten sie davon vermutlich leben, sagt Pistorius, der in Vollzeit bei einem Fachmarkt für Küchenmöbel in Delmenhorst arbeitet. „Gewinne erzielt man natürlich“, sagt er. Auf seinen Job zu verzichten, dafür sei ihm das Risiko aber zu hoch und der Markt, in dem er sich behaupten müsste, zu klein. Denkbar sei, zumindest eine Minijob-Kraft anzustellen – auch, um wieder mehr freie Tage zu haben. Denn live gestreamt wird häufig dann, wenn das Publikum Zeit hat: am Wochenende.
