Krieg, Pandemie und drohende Armut: Immer neue Krisenmeldungen belasten die Psyche. Besonders betroffen davon sind Familien, die im Alltag ohnehin psychisch belastet sind. Damit ihnen frühzeitig geholfen werden kann, will die Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Christin Frisch Erzieherinnen und Erzieher für einen angemessenen Umgang sensibilisieren. In Ganderkesee hält sie am kommenden Donnerstag, 6. Oktober, einen Vortrag mit Workshop in der Mensa des Schulzentrums. Im Interview erzählt die 34-Jährige, wie Erzieher Familien unterstützen können und wo ihre Verantwortung endet.

Wird eine generelle psychische Mehrbelastung durch globale Krisen wie die Pandemie und der Krieg in der Ukraine zunehmend zur Normalität?

Christin FrischDas potenzielle Risiko dafür besteht auf jeden Fall. Die überwiegende Mehrheit in unseren Fachkreisen befürchtet, dass sich die Zahl psychischer Erkrankungen auf einem gestiegenen Niveau einpendelt. Nachweislich ist das auf jeden Fall im Rahmen der Corona-Pandemie passiert.

Zur Person

Christin Frisch ist im Schwarzwald aufgewachsen, hat in München und Göttingen Psychologie studiert und anschließend eine Ausbildung zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin absolviert. Hauptberuflich ist die 34-Jährige seit drei Jahren leitende Psychologin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Diakonieklinikum Rotenburg. Nebenbei hält sie Vorträge und berät Jugendhilfeeinrichtungen. Seit 2013 lebt Frisch in Bremen.

Wie wirken sich solche Krisen auf die psychische Belastung von Familien aus?

Christin FrischFür Familien treten in solchen Krisen zusätzliche Belastungsfaktoren auf – seien es finanzielle, private oder berufliche Sorgen. In Familien, die ohnehin schon psychisch belastet sind, wird es dadurch noch unruhiger. Häusliche Eskalationen verlaufen dann noch stärker.

Was heißt das genau?

Christin FrischPsychisch belastete Familien haben schon durch die Belastung einen anderen Energiehaushalt. Wenn es dann noch mehr Dinge zu bewältigen gibt, ist dafür weniger Energie da. Dieses Missverhältnis führt zu mehr Anspannung, Druck, Sorgen oder anderen belastenden Gefühlen. Dinge, die heute klappen, können morgen schon nicht mehr klappen, weil ein Familienmitglied beispielsweise in ein Tief gerutscht ist. Dadurch ist weniger Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit gegeben. Durch die Krisen haben wir alle gemerkt, dass Ungewissheit total belastet – in psychisch belasteten Familien ist das normal. Dazu kommt das Umfeld: Man kämpft mit Stigmatisierung, muss sich erklären oder rechtfertigen.

Wie können Erzieher diesen Familien helfen?

Christin FrischSie können zu einer besseren Prognose bei psychischen Erkrankungen beitragen. Dadurch, dass sie sensibilisiert sind und achtsam zuhören können. Dass sie vielleicht beunruhigende Entwicklungen sehen und in Worte fassen können, wenn die Familien selbst sie eventuell noch gar nicht greifen können. Wenn Erzieher sensibilisiert sind, trauen sie sich vielleicht auch, mehr anzusprechen und können eine Schlüsselfunktion einnehmen, weil sie wissen: Eine Prognose ist besser, je früher man Unterstützung erhält. Daher finde ich es wichtig, dass diese „Ersthelfer“ an vorderster Front Werkzeuge bekommen, um Familien anzustupsen oder Ideengeber zu sein für Anlaufstellen.

In Ganderkesee bieten Sie hierfür einen Workshop an. Was ist geplant?

Christin FrischDie Teilnehmer setzen sich in Kleingruppen mit fünf sehr unterschiedlichen Fallbeispielen auseinander. Etwa: Ein Kind vertraut einem Erzieher psychische Belastungen in seiner Familie an, bittet aber darum, es keinem zu erzählen. Sie überlegen, wie sie vorgehen würden, anschließend diskutieren wir die Fälle.

Trotz aller Sensibilisierung sind Erzieher aber keine Psychologen. Wo endet ihre Verantwortung?

Christin FrischEs gibt natürlich Grenzen der Verantwortung, da sollte dann an die nächste fachliche Ebene übergeben werden. Aber der Vermittlungsschritt ist ganz wichtig. Erkennen zu können: Wie akut ist ein Fall, muss man schnell handeln? An welche Stellen kann man sich wenden? Reicht es zu motivieren, sich mal beraten zu lassen? Und natürlich müssen die Erzieher auch auf sich selbst achten und untereinander schauen, dass man sich nicht zu tief in einen Fall reinhängt.

Thilo Schröder
Thilo Schröder Thementeam Polizei/Justiz