Autistischen Kindern fällt es schwer, sich auf soziale und emotionale Situationen einzustellen. Anlässlich des Welt-Autismus-Tags am vergangenen Sonntag, 2. April, wirbt die pädagogische Fachberaterin Bianca Skibbe, die auch Kurse an der regioVHS Ganderkesee-Hude anbietet, für einen sensiblen Umgang und erklärt, wie ein Würfel Eltern den Alltag erleichtert.

Eine bekannte Autistin ist die Klimaaktivistin Greta Thunberg, bei der mit zwölf Jahren das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde. Ein typischer Fall?

SkibbeDer Begriff Asperger-Autismus ist eigentlich nicht mehr gewünscht. Innerhalb des Spektrums liegt hier die leichteste Ausprägung vor: Die Symptome sind etwas abgemildert, weil Betroffene sich vieles aneignen können hinsichtlich sozialer Beziehungen und Kommunikation. Das gilt aber nicht für alle. Es gibt zudem andere Formen wie den frühkindlichen Autismus. Es gibt aber eine Schnittmenge an sozialen Herausforderungen.

Welche sind das?

SkibbeDas Nicht-lesen-Können von Mimik und Gestik und ein nicht so intuitives Mitfühlen und Einfühlen. Es kann sein, dass jemand damit im Arbeitsleben oder Freundeskreis wunderbar durchkommt, weil es dort nicht so stark auffällt. Aber in Paarbeziehungen oder im Familienkontext wird es unter Umständen sehr stark spürbar.

Berät Eltern, Kinder, Jugendliche und pädagogisches Personal zu neurodiversen Themen: Bianca Skibbe aus Bremen. (Bild: Linda Tessarek)

Berät Eltern, Kinder, Jugendliche und pädagogisches Personal zu neurodiversen Themen: Bianca Skibbe aus Bremen. (Bild: Linda Tessarek)

Zur Person

Bianca Skibbe arbeitet als pädagogische Fachberaterin, Traumapädagogin, Dozentin – unter anderem an der regioVHS Ganderkesee-Hude – und Fach-Autorin in eigener Praxis in Bremen. Sie berät Eltern, Kinder und Jugendliche sowie pädagogisches Personal zu neurodiversen Themen sowie zu Bindung und Beziehung. In der Weiterbildung setzt sie sich besonders im pädagogischen Bereich für Information zu den Themen Autismus-Spektrum, AD(H)S und Hochsensibilität ein.

Und was läuft in der Kommunikation anders?

SkibbeJemand im Autismus-Spektrum kommuniziert nur auf der Sach- oder Appell-Ebene, nicht auf der Beziehungs- und persönlichen Ebene. Wenn ich also etwas Persönlich-Emotionales besprechen möchte, erschwert das die Kommunikation, weil ich mich nicht gesehen, nicht verstanden fühle. Seitens autistischer Personen führt das zum sogenannten Masking: Sie versuchen sich so gut wie möglich einzupassen, machen das, was gefragt ist. Bei manchen funktioniert das ganz gut, kostet aber sehr viel Anstrengung, nicht sie selbst zu sein – das kann in Folgeerkrankungen führen.

Welche dieser Begleitstörungen treten verstärkt bei Kindern auf?

SkibbeEntscheidungsfindungsschwierigkeiten, Kinder bestehen oft auf klaren Regeln und verspüren einen starken Gerechtigkeitssinn. Nicht so wichtig ist ihnen dagegen, ob sie modisch gekleidet sind. Bei anderen haben sie eine ausgeprägte Sinnesüber- bis Missempfindung, nehmen Gerüche, Lautstärke, Geschmäcker, Helligkeit stark wahr. Für die eigenen Empfindungen – hab ich Hunger, bin ich müde, muss ich zur Toilette – haben sie eine Unterempfindung. Das alles muss eingeübt werden. Wutanfälle können deshalb – neben einer Begleiterscheinung – auch eine Nervensystemreaktion sein aufgrund dieser Dauerstressbelastung.

Wie sollte das Umfeld darauf reagieren?

SkibbeDie Kinder brauchen Unterstützung darin, möglichst flexibel zu werden. Schon ein verschobener Stuhl kann sonst zu totaler Verunsicherung führen. Eine Entscheidungshilfe kann ein Würfel sein – weil das Entscheiden an sich überfordert und zweitrangig ist, was entschieden wird. Wichtig zu verstehen ist, dass autistisches Verhalten nicht aus Provokation oder Sturheit entsteht, sondern eine neurologische Veranlagung ist.

Autismus verstehen und (be-)handeln

Betroffenen bietet die Lebenshilfe Delmenhorst und Landkreis Oldenburg eine Autismusambulanz. Ziel ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Über Förder- und Therapieansätze unter Einbezug ärztlicher Anlaufstellen sollen typische Verhaltensweisen abgemildert werden.

Für Eltern und Interessierte gedacht ist ein Abendkurs der Erzieherin Bianca Skibbe an der regioVHS Ganderkesee-Hude am Dienstag, 6. Juni, 18 bis 20.15 Uhr. Anmeldung unter Telefon 04222/44444 oder per E-Mail an info@regiovhs.de. Die Veranstaltung findet online über Zoom statt. Einen Elternratgeber gibt es auch vom Verein „Autismus Deutschland“ und von der Berliner Initiative „AuJa“.

Angehende Schulbegleiter, die Kindern mit Beeinträchtigungen den Regelschulbesuch ermöglichen wollen, bekommen in einer Fortbildung ab Freitag, 12. Mai, unter anderem Grundlagen zu Autismus-Spektrum-Störungen vermittelt. Für das Angebot der Sonderpädagogin Beate Rönz an der Volkshochschule Wildeshausen kann man sich bis Freitag, 14. April, anmelden unter Telefon 04431/71622 oder per E-Mail an info@vhs-wildeshausen.de. Ort ist jeweils die VHS (Bahnhofstraße 24, Raum 08) in Wildeshausen.

Wie sensibilisiert man Geschwister dafür?

SkibbeÜbers Erklären und Verständnis schaffen. Man kann einen kleinsten gemeinsamen Nenner suchen: Wo kann ich in Beziehung gehen mit einer Person, die wenig auf Beziehungen angewiesen ist? Es gibt tolle aufklärende Kinderbücher und Filme wie „Das Pferd auf dem Balkon“. Geschwister dürfen dabei nicht aus dem Blick geraten – und die Selbstfürsorge der Eltern. Denn ein Mensch im Spektrum ist sehr auf sich zentriert – das kostet begleitende Kraft. Die Möglichkeit einer Ersatzpflegeperson kann über die Krankenkasse beantragt werden.

Wo gibt es noch Hilfe?

SkibbeEs gibt Selbsthilfegruppen, Erfahrungsaustausche für Eltern und in jeder größeren Stadt den Verein Autismus. Therapeutische Angebote haben oft lange Wartelisten. Gerade für Kinder gibt es aber andere Möglichkeiten jenseits einer Diagnose. In der Schule führt aber kein Weg am Nachteilsausgleich vorbei – damit die Kinder ihr Potenzial entfalten können und gleiche Chancen haben.

Was sollten Eltern autistischer Kinder tunlichst lassen?

SkibbeAus Unwissenheit kommen viele auf die Idee, ihre Kinder zu konditionieren mit Belohnungsverhalten. Wenn man dadurch aber Ticks oder repetitive Verhaltensweisen unterdrückt, nimmt man der Person die Sicherheit und die Möglichkeit, sich selbst auszugleichen.

Thilo Schröder
Thilo Schröder Thementeam Polizei/Justiz