Ganderkesee - Sie ist weder schrullig noch seltsam oder mit dem erhobenen Zeigefinger unterwegs: Nicole Paegelow steht – wie man so schön sagt – mit beiden Füßen im Leben. Gerade erst hat sie ehrenamtlich an einer Grundschule in Ganderkesee eine Schach-AG übernommen. Und im Alltag arbeitet sie als Verwaltungsangestellte an der Hochschule Bremen. Aber: Sie ist hochsensibel. Das bedeutet, ihr Gehirn reagiert auf äußere Reize wie Lautstärke oder Gerüche sehr empfindlich, sie nimmt ihre Umgebung intensiver, detaillierter und facettenreicher wahr als andere – ihr Hirn ist ständig scharf geschaltet.
Wie viele Menschen sind betroffen ?
Der eine oder andere wird sich nun zurücklehnen und Nicole Paegelow eben doch eine „Macke“ attestieren. „Wir Betroffenen sind aber gar nicht so, dass wir uns jammernd ins stille Kämmerlein zurückziehen. Im Gegenteil: Es gibt viele Frohnaturen unter uns“, sagt die 49-Jährige mit einem Augenzwinkern.
Kostenfrei informieren können sich Interessierte am Donnerstag, 9. März, ab 19 Uhr in einem Online-Vortrag, den die Volkshochschule Diepholz anbietet. „Die Hochsensible Person“ heißt der Vortrag. Anmeldungen und Informationen unter
Wissenschaftliche Grundlagen untersucht die Bundeswehr-Universität in Hamburg. Informationen gibt es unter
Den Begriff Hochsensibilität hat die Universitätsprofessorin Dr. Elaine N. Aron aus den USA Ende der 1980er Jahre eingeführt. 1996 veröffentlichte sie ihre Forschungsergebnisse in dem Buch „The Highly Sensitive Person“, das in 70 Sprachen übersetzt wurde und als Standardwerk zum Thema gilt.
Schätzungen zufolge gelten 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung als hochsensibel. Wissenschaftler um Philipp Yorck Herzberg, Persönlichkeitspsychologe und psychologischer Diagnostiker an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, haben einen Fragebogen entwickelt, mit dem sich Hochsensibilität messen lässt. „Es handelt sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine Persönlichkeitseigenschaft“, erklärt Prof. Herzberg. Und darum geht es Nicole Paegelow und ihren Mitstreitern: „Die Gesellschaft soll uns nicht als komisch abstempeln, sondern uns ernst nehmen und akzeptieren.“
Wann machte sich die Hochsensibilität bemerkbar ?
Schon in ihrer Kindheit bemerkte Nicole Paegelow, dass sie anders ist: Extreme Lautstärke oder intensive Gerüche stressten sie, verursachten Kopfschmerzen oder Übelkeit. Während später Freunde Partys feierten, suchte die junge Frau Auszeiten – das sorgte in ihrem Umfeld bisweilen für Unverständnis.
Heute ist die Situation eine andere, denn ihr ist es gelungen, Freunde, Familie und Arbeitgeber ins Boot zu holen, gewissermaßen ein reizarmes Umfeld schaffen. Der Weg war nicht einfach: „Eine Fortbildung war das Schlüsselerlebnis. Eine der Personen hatte ein sehr intensiv riechendes Parfum“, erinnert sie sich. Damals habe sie mit sich gerungen, ob sie die Anwesenden über ihre Unverträglichkeit informiert oder Gefahr läuft, für mehrere Tage mit Migräne auszufallen. Sie entschied sich für die Flucht nach vorn, stellte sich neben den Dozenten und klärte die Kollegen über Hochsensibilität auf:„Mir schlug das Herz bis zum Hals.“ Der Erfolg stellte sich am nächsten Tag ein: Die Person verzichtete aufs Parfum – alle konnten zusammenarbeiten. „Da habe ich erstmals begriffen, wie wichtig Kommunikation ist.“
Stört sie jedweder Geruch ?
Nun ist es aber nicht so, dass jeder Geruch bei ihr sofort Migräne auslöst: „Bei einer dezenten Note reagiere ich nicht.“ Aber – und das ist der eigentliche Grund, warum sie sich an die Öffentlichkeit wendet – es gibt immer wieder alltägliche Situationen, in denen sie flüchten muss.
So hat sie beispielsweise an Weihnachten die Christmesse in Ganderkesee besucht und musste schon nach wenigen Minuten die Kirche wieder verlassen – ein zu schwerer Parfumduft lag in der Luft. Nur wenige Tage später wiederholte sich das Spiel im Theater. Nach nur zehn Minuten musste sie den Raum und ihre Begleitung verlassen – zu aufdringlich war der Parfumduft. „Die Theaterangestellten waren sehr aufmerksam, boten mir Wasser an und einen Bildschirm, über den ich das Stück wenigstens noch verfolgen konnte.
Trotzdem fühlte ich mich ausgegrenzt.“
Wie könnte eine Lösung aussehen ?
„Dass die Menschen im öffentlichen Raum mehr Rücksicht nehmen und weniger stark riechende Parfums nutzen“, formuliert es die Verwaltungsangestellte vorsichtig. In Schweden beispielsweise sei es längst Alltag, schwere, aufdringliche Parfums zu vermeiden.
„Das gilt für private Einladungen, Arztbesuche, Restaurant- und Kinobesuche und am Arbeitsplatz. Das wäre auch hierzulande wünschenswert“, resümiert Nicole Paegelow.
