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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Wirtschaft

Ein Auge fürs richtige Maß entwickeln

11.11.2009

WILDESHAUSEN Es wird gerade hell, als ich morgens mein Auto bei der frühere Kaserne an der Dr.-Pickart-Straße parke. Siegfried Möllmann kommt mir schon entgegen. „Sind Sie von der Presse?“ ruft er mir quer über die Straße zu. Ja, das bin ich. Und für einen Tag bin ich auch seine Partnerin. Siegfried Möllmann ist ehrenamtlicher Helfer bei der Wildeshauser Tafel, die in der alten Kaserne Lebensmittel an Bedürftige verteilt. Und ihm und seinen 60 Kollegen will ich heute bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Seit vier Monaten sammelt der 66-Jährige gemeinsam mit anderen Lebensmittelspenden in Wildeshausen und umzu ein. Ich klettere auf den Beifahrersitz des Transporters. Wir fahren los. Sechs Bäckereien und zwei Supermärkte stehen auf der Liste. Es ist Donnerstag und wir müssen uns beeilen, um 13 Uhr beginnt die Essensausgabe.

Ich bin gespannt auf die Menschen, die mich erwarten. Ein wenig habe ich die Berichte aus den vergangenen Wochen im Hinterkopf, wonach angeblich Leute Lebensmittel über die Tafel beziehen würden, die dazu nicht berechtigt seien.

Siegfried Möllmann und ich fahren unsere Bäckereien und Supermärkte an, hieven Kisten mit Salat, Kartoffeln, Obst oder Brot auf die Ladefläche. Mal mehr, mal weniger, je nach dem, wie viel vom Vortag übrig ist. Lange warten müssen wir nirgends – die meisten kennen Möllmann schon. Was ihn bei der Tafel hält, will ich wissen. Er denkt nach. Dann antwortet er knapp: „Die Kollegialität.“

Einige Stunden später verstehe ich, was er meint. Es ist zwei Uhr nachmittags, seit einer Stunde läuft die Ausgabe der Waren, die Helfer zuvor nach Haltbarkeit sortiert hatten. Im Eingangsbereich muss ich mich durch gut 100 Menschen schlängeln, die auf ihre Lebensmittel warten.

Im Ausgaberaum, der heute morgen bis auf einige Brote im Regal leer und verlassen war, rotieren rund 20 Helfer wechselweise hinter dem Tresen. Innerhalb von vier Stunden versorgen sie fast 1350 Bedürftige beziehungsweise 500 Familien. Ich werde zu Franziska Mehnen geschickt, die mich an die Hand nimmt. Wie Siegfried bietet sie mir sofort das „Du“ an. „Wir duzen uns alle hier.“ Und ein bisschen erinnert sie mich auch an ihn, als sie mir von der tollen Atmosphäre unter den Ehrenamtlichen vorschwärmt. Ich glaube ihr sofort, wenn ich sehe, wie herzlich alle miteinander und mit den Bedürftigen umgehen. „Man muss ja auch Spaß bei der Arbeit haben“, sagt sie.

Grüne Karten, rote Karten

Ich aber bin heute zum ersten Mal dabei und fühle mich etwas fehl am Platz, als ich sehe, wie eingespielt das Team zwischen den Regalen und Körben hin und herläuft, eilig die Waren zusammensucht und nebenbei noch Zeit findet, mit den Kollegen und den „Kunden“, wie alle sagen, zu scherzen. „Mein Sohn fährt jetzt auch für euch“, erzählt eine Frau.

Ich versuche, niemandem im Weg zu stehen und stattdessen Franziska zu helfen. „Komm einmal her, Du hast die besseren Augen“, zieht sie mich zu sich heran und drückt mir den Berechtigungsausweis einer Kundin in die Hand. „Zahl der Berechtigten: 5, davon Kinder: 3“ steht da. Dafür hat die Frau am Eingang fünf Karten erhalten – drei grüne für die Kinder, zwei rote für die Erwachsenen. Alles korrekt also. Die Karten behalten wir, um uns zu merken, für wie viele Personen wir einpacken. Und damit keiner mit den Karten eine zweite Runde machen kann. Mir kommen meine Gedanken von vorhin in den Kopf. Einfach so kann hier niemand Lebensmittel holen, denke ich. Franziska unterbricht: „Nimm mal ein großes Brot – und vom Kuchen.“ Sie hat längst ein Auge für das richtige Maß entwickelt.

„Die isst du doch so gern“

Einer anderen Frau packen wir Kräuterbaguettes zum Aufbacken in den Korb. „Guck mal, die isst du doch so gern“, sagt sie zu ihrer Tochter. Die nickt und strahlt. So wie sie sind fast alle Leute hier. Einmal tritt einer etwas fordernd auf und ich merke, dass mich das irritiert, wenn ich gleichzeitig die Ehrenamtlichen bei ihrer Arbeit sehe. Franziska steht da längst drüber und lässt sich ihre Laune nicht verderben. Wie sie schon sagte: „Man muss auch Spaß bei der Arbeit haben.“

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