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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Wirtschaft

Schnack am Wochenende: Jeden Tag leben

29.12.2018

Falkenburg Fröhlich und unbeschwert werden wir übermorgen das neue Jahr begrüßen. Wie aber fühlen sich zum Beispiel Menschen, die den Silvesterabend in einem Hospiz verbringen? Auch zu ihrem Jahreswechsel wird ein festliches Menü genauso dazu gehören wie im Fernsehen „Dinner for One“ oder „Tratsch im Treppenhaus“, um dann um Mitternacht mit leuchtenden Augen das Feuerwerk zu erleben. Dass diese Hospizgäste auch ihr vielleicht letztes Silvester in Würde erleben können, dafür sorgen die engagierten Mitarbeiter in den verschiedenen Hospizen. Eine dieser vielen Pflegekräfte ist Svetlana Eggers (46) im Laurentius Hospiz in Falkenburg. Sie strahlt über das ganze Gesicht: „Ich bin in jeder Beziehung glücklich.“

Das war aber nicht immer so. Sie weiß nur zu gut, was es bedeutet, von lieben Menschen Abschied nehmen zu müssen. Svetlana Blincova, so ihr Mädchenname, ist in Chemelnyzkyj aufgewachsen, einer Stadt in der westlichen Ukraine. Ihre Freizeit verbrachte sie mit Freunden, sang im Schulchor und tanzte in einer Volkstanzgruppe. Ihre große Leidenschaft aber war das Fechten: Nicht wenige Wettkämpfe beendete sie als Siegerin. Auf ihrem Schulweg kam sie immer an einem Kinderheim für Kinder im Vorschulalter vorbei. Jeden Morgen standen schon einige am Zaun und riefen: „Mama, Mama!“ „Diese Kinder haben mir so leid getan, das mir klar war: Hier möchte ich helfen.“

Nach ihrem Schulabschluss meldete sich Svetlana in diesem Kinderheim. Mit ihren 16 Jahren konnte sie noch keine Ausbildung zur Erzieherin machen, also arbeitete sie dort als Erziehungshelferin. Zu ihren Aufgaben gehörte das Putzen, außerdem verteilte sie Essen und wusch die Kinder. An einigen Tagen in der Woche gehörte auch die Nachtwache dazu. Irgendwann meinte ihre Mutter: „So geht es nicht weiter, du musst einen Beruf erlernen.“ Svetlana absolvierte neben ihrer Arbeit eine dreijährige Ausbildung zur Erzieherin. Insgesamt arbeitete sie mehr als zehn Jahre im Kinderheim.

Auch im privaten Bereich hatte sich in der Zwischenzeit einiges getan. Svetlana hatte ihren Sascha geheiratet und mit Sohn Dennis war das Familienglück perfekt. Svetlana und ihr Sascha hatten beide am 1. September Geburtstag. Dieser Glückstag der beiden sollte auch der bis dahin traurigste Tag im Leben von Svetlana werden. Am 1. September 1995 bekam sie einen Anruf, dass ihr Ehemann bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt war. „Wie soll ich jetzt weiterleben?“ Für Svetlana brach eine Welt zusammen. Sie wusste nicht weiter.

Große Unterstützung erhielt sie von ihrer Mutter Sinaida und deren damaligem Lebensgefährten. Um etwas Abwechslung in ihrem Leben zu haben, besuchte Svetlana 1999 eine Freundin in Deutschland. Diese war als Au-pair nach Deutschland gekommen und hatte hier ihre große Liebe kennengelernt. In Bruchhausen-Vilsen traf Svetlana dann einen gewissen Rainer Eggers. Man unterhielt sich auf Englisch und aus anfänglicher Sympathie wurde mehr. Da die Ukraine nicht gerade um die Ecke liegt, waren Treffen auf ein Minimum beschränkt. Svetlana musste immer drei Monate auf ein Visum warten, ehe sie ihren Rainer in Deutschland besuchen durfte. „Dieses ewige Hin und Her ist doch nichts – lass uns heiraten“, meinte Rainer eines Tages. Sie sagte „Ja“, allerdings erhielt ihr Sohn zur Ausreise keine Genehmigung. Für Svetlana war es eine schwere Zeit – ohne ihren Sohn und mit fremden Menschen um sie herum. Dazu war ihr Mann beruflich viel unterwegs. „Ich fühlte mich noch nicht Zuhause“, erinnert sie sich. Mit großer Anstrengung erlernte sie die deutsche Sprache. Nach einem Jahr durfte auch ihr Sohn Dennis nach Deutschland kommen. Mittlerweile war das Paar nach Delmenhorst gezogen.

Schritt für Schritt wurde Deutschland zur neuen Heimat für Svetlana und Dennis. Sie wollte wieder arbeiten und versuchte sich zunächst als Verkäuferin: „Das war aber nicht mein Ding. Ich wollte lieber etwas Soziales machen.“ Beim Wichernstift in Elmeloh absolvierte sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin und war auch in der ambulanten Pflege tätig. Da ihr diese Arbeit gut gefiel, wechselte sie zur Awo in Ganderkesee, wo die Familie inzwischen auch wohnte. Es folgten eine Weiterbildung in „Palliative Care“ und ein Praktikum auf der Palliativstation des Delmenhorster Krankenhauses. Von dieser Zeit ist sie tief beeindruckt: „Hier durfte ich eine Frau bis zu ihrem Tod begleiten und anschließend für die Aufbahrung zurecht machen.“

Eine ehemalige Kollegin schwärmte von der Arbeit im Laurentius-Hospiz in Falkenburg, so dass sich Svetlana dort bewarb. Am Neujahrstag ist es fünf Jahre her, dass sie hier ihren ersten Arbeitstag hatte. Den Schritt hat sie keine Sekunde bereut: „Ich bekomme so viel zurück. Die leuchtenden Augen der Gäste hier, das ist meine Erfüllung.“ Einen Satz hat sie von den Hospiz-Gästen gelernt, den sie mir mit auf den Weg gibt: „Du musst jeden Tag leben, als wenn es dein Letzter ist.“

Svetlana Eggers,Mitarbeiterin im Laurentius-Hospiz in Falkenburg.

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