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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Wirtschaft

Schwerer Abschied nach 20 Jahren Kiosk-Leben

01.03.2019

Ganderkesee Der Blick von Ralph Selle (50) geht durch sein Kioskfenster nach draußen. Dorthin, wo seit zwei Dekaden die Kunden standen, wenn sie in seinem Kiosk an der Grüppenbührener Straße etwas kaufen wollten. „Ich muss Feierabend machen“, sagt Ralph Selle, „nach 20 Jahren“. Seine Stimme klingt belegt, der Blick schweift zwischen dem Fenster und den fast leeren Regalen hin und her. An diesem Freitag, 1. März, wird Ralph Selle morgens um 6 Uhr ein letztes Mal seinen Kiosk öffnen. Danach beginnt für ihn ein anderes Leben.

Schläge eingesteckt

„Machen Sie kein Foto von mir. Nicht hier, wenn alles fast leer ist. Nehmen Sie eins von früher, wo man sieht, wie es mal war“, sagt der Kioskbesitzer. Der Abschied von dem Leben, das er 20 Jahre lange geführt hat, fällt ihm nicht leicht. „Aber es waren zu viele Schicksalsschläge“, erzählt er. Der Schlaganfall vor zwei Jahren, zum Beispiel. „Da gehste abends ins Bett und alles ist gut. Und am Morgen ist alles scheiße“, fasst er diesen Schlag zusammen. Oder im vergangenen Jahr dann ein schwerer Verkehrsunfall: Plötzliche Kosten und Verdienstausfall waren jeweils die Folge, „da kriegste einfach keinen Fuß mehr auf den Boden“.

Zwar hätten Zulieferer ihm zur Seite gestanden, aber irgendwann war einfach kein Geld mehr da, um neue Waren zu bestellen. Anfang dieser Woche hat Ralph Selle dann beschlossen, dass er seinen Kiosk schließt. „Das hat mich alles so rausgerissen, da komm ich nicht mehr raus“, sagt er, wieder mit belegter Stimme.

Kein anderer Ausweg

Einen anderen Ausweg sieht der 50-Jährige nicht. Neue Investitionen, die zum Beispiel durch neue Auflagen hinzukommen, hätten ihr Übriges getan. „Für Neugründungen gibt es Förderungen“, sagt er. „Aber wenn man im laufenden Betrieb was ändern muss, dann nicht.“ Als Beispiel nennt er eine neue Kassenanlage, die vom Finanzamt gefordert worden sei.

Es sei nicht so, dass der Kiosk schlecht laufe, betont er. „Ich konnte da immer gut von leben.“ Vor allem seinen Kunden ist er dankbar. „So viele sind mir über all die Jahre treu geblieben.“ Manche seien als Grundschulkinder das erste Mal gekommen. „Und jetzt fahren sie hier mit dem Wagen vor“, erzählt er und der Blick geht wieder zum Fenster.

Abschied von Kunden

Einigen seiner Stammkunden habe er von seinem Beschluss schon erzählt. „Da wurden auch einige Tränen weggedrückt“, sagt Ralph Selle. Für seinen Kiosk und seine Kunden hat er gelebt. „Ich hab’ pro Jahr nur einmal Urlaub gemacht und dann meist nur eine Woche“, erzählt er. Rund 2500 verschiedene Artikel, inklusive Zeitungen und Zeitschriften, hat der 50-Jährige in seinem 34 Quadratmeter großen Kiosk verkauft – und unzählige Geschichten gehört. „Trauer, Leid, Freude, da war alles dabei“, erinnert er sich an die Gespräche mit Kunden. „Ich war für viele schon eine Anlaufstelle.“ Eine Anlaufstelle, die beim Faschingsumzug am Samstag das erste Mal seit 20 Jahren nicht vorhanden sein wird. „Auch Fasching hatte ich natürlich geöffnet“, so Ralph Selle. Dieses Jahr nicht. „Vielleicht verkaufe ich kommende Woche noch Reste, aber das weiß ich noch nicht.“ Aber an Fasching öffnen, das will er nicht. „Das ist so leer hier, da macht man sich ja lächerlich.“

Während des Gesprächs geht Ralph Selle in den hinteren Bereich des Kiosks. Dort steht ein kleiner Laptop, an dem er die Büroarbeit erledigt. Im Hintergrund eine Tür mit Postkarten aus verschiedenen Ländern. „Die sind alle von Kunden oder Mitarbeitern“, erzählt Ralph Selle. Unterstützt wurde er in den zurückliegenden Jahren vor allem von Schülerinnen und Schülern, die sich etwas dazuverdienen wollten. „Das waren bestimmt insgesamt so 50“, blickt er zurück.

Neuer Abschnitt

Für Ralph Selle, der eigentlich Tischler ist, steht jetzt ein neuer Abschnitt bevor. Bei einem Möbel-Großhandel wird er anfangen. Wie es mit seinem Kiosk, zu dem auch ein Hermes-Paketshop gehört, weitergeht, ist noch offen. Interessenten hätte er, aber da sei noch alles in der Schwebe. „Einmal alles neu bestücken und es kann so weitergehen. An Kunden mangelt es definitiv nicht“, erzählt er – und blickt wieder aus dem Fenster.

Claus Arne Hock Redakteur / Online-Redaktion
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