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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Wirtschaft

Nüchterner Blick in schwierige Zukunft

01.10.2011

WARDENBURG Die Zukunft wird nicht einfach, auf Wardenburg und ganz Deutschland kommen durch den demografischen Wandel in der Bevölkerung erhebliche Probleme zu. So lautet die Botschaft, die Professor Dr. Herwig Birg am Donnerstagabend knapp 100 geladenen Gästen im Wardenburger Hof präsentierte.

Wardenburg verliert Bürger

Wardenburgs Geburtenrate (im Durchschnitt 1,5 Kinder pro Frau) ist niedrig, liegt aber hauchdünn über dem Landesdurchschnitt. Gravierender ist da schon der negative Saldo der Fort- und Zuzüge. „Wardenburg verliert zurzeit Bürger“, stellte der renommierte Bevölkerungswissenschaftler anhand der neuen Zahlen des Statistischen Landesamtes fest.

Dies ist eine Entwicklung, die der Experte für viele Regionen anhand mathematischer Rechenmodelle längst vorausgesagt hat. Die deutsche Gesamtbevölkerung werde bis zum Ende des 21. Jahrhunderts selbst bei einem jährlichen Zuzug von 250 000 Einwanderern von gut 80 Millionen (Stand: 2000) um ein Viertel auf bestenfalls 60 Millionen Menschen schrumpfen, so Birg. Vorausgesetzt, die Geburtenzahl pro Frau steigt von 1,25 auf 1,5 und die Lebenserwartung der Frauen und Männer auf 87 bzw. 81 Jahre.

„Es wird bei dieser Entwicklung Gewinner und Verlierer geben“, sagt der Wissenschaftler. Die viele junge, gut ausgebildete Menschen anziehenden Landeshauptstädte seien solch ein Beispiel, den ländlichen Regionen drohe dagegen eher ein Ausbluten. Birg wies anhand seiner Berechnungen nach, dass in Zukunft die Bevölkerungswanderung einen dominanten Faktor bilden wird und ein Verteilungskampf um die immer kleiner werdenden, wirtschaftlich leistungsfähigsten Altersgruppen (20 bis 60 Jahre) einsetzt.

Birg hält es für eine Illusion, zu glauben, dass ein weiteres Öffnen des Landes für Einwanderer diese grundsätzlichen Probleme lösen kann. Dagegen spreche ganz klar die im Vergleich zu Deutschland deutlich schlechtere Bildung der meisten Menschen, so sein Urteil.

Politik im Zielkonflikt

Problematisch für ganz Deutschland wird in den kommenden Jahrzehnten der schrumpfende Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung, wenn es um die Finanzierung des Rentensystems und der gesetzlichen Krankenversicherung geht. Birg relativierte in diesem Zusammenhang auch Deutschlands Bürgschaft über 210 Milliarden Euro für Griechenland. „In nur drei Jahren zahlen wir bereits jetzt genauso viel in unser Rentensystem ein, und wir reden hier nicht von möglichen Bürgschaften“, so der Wissenschaftler. Die Hoffnung, dass die Politik rechtzeitig gegensteuern wird, hat er nicht. Wegen der mehrere Jahrzehnte langen Zeitspanne zwischen Maßnahmen und ihrer positiven Wirkung wäre von den Entscheidungsträgern ein „sehr langer Atem nötig“, so Birg. Häufig komme es zu einem Zielkonflikt zwischen dem gesellschaftlich Wünschenswerten und den persönlichen (Wiederwahl)-Interessen der Politiker.

Wer glaube, es werde alles schon nicht so schlimm werden, unterschätze die Dynamik der Entwicklung, warnte Birg seine Zuhörer. „Wir befinden uns gerade erst am Anfang der Skischanze und nehmen Fahrt auf.“ Auch wenn das Bremsen in solch einer Situation aussichtslos ist, gibt es zumindest Ratschläge, die vor einer allzu harten Landung schützen könnten. Familie und Beruf müssten nach dem Vorbild der skandinavischen Länder viel besser vereinbar sein, bei Stellenvergaben in der Wirtschaft und Verwaltung sollten Arbeitnehmer mit Nachwuchs bei sonst gleicher Qualifikation bevorzugt werden, rät Birg. Selbst ein „Familienwahlrecht“, das die Stimmen von Eltern höher als die Kinderloser gewichtet, hält er für denkbar.

Bürger-Workshops geplant

Der Bevölkerungswissenschaftler habe mit „freundlicher Stimme, Grausamkeiten erzählt“, lautete das Fazit Werner Albrechts (Marketing-Forum) am Ende des Abends. Anstatt sich entmutigen zu lassen, wollen der Kleine Kreis, das Marketing-Forum und die Verwaltung neue Impulse setzen. Geplant sind Bürger-Workshops, die die Arbeit der drei 2006 gegründeten Arbeitsgruppen „Wohnen“, „Soziales“ sowie „Wirtschaft und Handel“ fortsetzen. Erstes Treffen ist der 8. November. Interessenten können sich bis zum 10. Oktober zur Teilnahme anmelden.

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