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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Wirtschaft

Zwischen Grabanlagen auf Trancereise

06.12.2018

Reckum Eigentlich ist es nur ein Stein. Ein Magmatit, um genauer zu sein, durch Erstarrung aus Magma gebildet, Härtegrad sechs bis sieben. Also nichts Ungewöhnliches. Wären da nicht diese seltsamen Ritzungen. Und die seien von Menschenhand und schon vor Jahrtausenden entstanden, ist der Heimatforscher und Autor Hermann Speckmann aus Ganderkesee mittlerweile sicher. Seine Hypothese: Auf dem Stein ist ein Schamanenbaum abgebildet. Wenn das zutreffen sollte, sei der Stein „einmalig bis zu den Alpen“ – und „eine Sensation“.

Der Brocken, um den es da geht, befindet sich im Großsteingrab Reckum, einem Zeugnis aus der Jungsteinzeit (3500 bis 3000 vor Christus). Bei einem Besuch im Juli 2016 hatte Speckmanns Frau die Rillen entdeckt: Mehrere Linien verlaufen in unterschiedlichen Abständen in etwa parallel, andere im rechten Winkel dazu. Auch punktförmige Vertiefungen gibt es.

Speckmann, der sich intensiver mit der Gedankenwelt der Steinzeitmenschen befasste und 2018 darüber ein Buch geschrieben hatte (Der Glaube der Großsteingräberleute, Isensee), war wie elektrisiert. War das die Darstellung einer so genannten Dolmengöttin? Doch dafür fehlten die typischen Eulenaugen.

Was folgte, war eine Untersuchung durch den ehrenamtlichen Felsbildforscher Jürgen Schmitz-Reinthal im September 2016 – und eine Ernüchterung: Die Rillen, so meinte der Kölner, seien jünger und wahrscheinlich durch ein landwirtschaftliches Gerät entstanden. Schmitz-Reinthal tippte auf einen Grubber. Also doch keine Sensation?

Weitere archäologische Untersuchungen folgten. Dr. Stephan Veil, Jana Esther Fries und Schmitz-Reinthal berichteten darüber im Oldenburger Jahrbuch 118 (2018). Ein Ergebnis machte die Sache noch mysteriöser: Nach alten Bestandsaufnahmen gehörte der Stein gar nicht zur Grabanlage in Reckum. Ein Nachbar, so sagte Speckmann, erinnerte sich, dass der Fels früher etwa 100 Meter weiter in Richtung Wildeshausen am Weg gestanden habe. War der Stein also vielleicht bei einer Straßenasphaltierung mal eben „umgebettet“ worden?

Speckmann wollte mehr erfahren – und schob auf eigene Faust weitere Untersuchungen an. Ein davon: Er schaltete Steinmetzmeister Herbert Dietrich, Ganderkesee, ein. Der stellte zunächst die Art des Steins fest. Und: Dietrich nannte es „unmöglich“, die Rillen mit einem Grubber herzustellen. Vielmehr seien sie von Menschenhand gefertigt, das sei besonders an den runden Endungen erkennbar.

Untersuchung zwei fand in Hollen bei Ganderkesee statt. Landwirt i. R. Heinz-Dieter Schütte fuhr mit einem 120-PS-Schlepper samt Grubber zweimal über einen Findling wie dem von Reckum. Ergebnis: Keine Ähnlichkeit zwischen den Rillen mit denen auf dem Reckumer Stein.

Eine wichtige Frage blieb offen: Was bedeuten die Ritzungen? Die Autoren des Beitrags im Oldenburger Jahrbuch gehen laut Speckmann davon aus, „dass der Bildstein seit alters her zwischen den beiden (Reckumer) Großsteingräbern stand und Teil einer sakralen Landschaft an der Hunte war.“

Vor diesem Hintergrund stellte Speckmann seine Hypothese vor: Die Ritzungen hätten eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Weltenbaum der Schamanen, wie er zum Beispiel in der österreichischen Steiermark in eine Steilwand geritzt sei. Er könne sich sehr wohl vorstellen, dass auch die Sonnensteine von Harpstedt und Beckstedt in diesem Zusammenhang eine Rolle spielten.

Schamanenbäume, so erklärte der Ganderkeseer, seien quasi das Tor gewesen, um (in einem berauschten Zustand) durch eine Konzentration auf das dargestellte Bild eine Trancereise anzutreten.

Dem Ganderkeseer ist bewusst, dass das nur eine Hypothese ist. Wer versuche, Antworten auf Fragen nach der Funktion solcher Ritzsteine zu geben, „begibt sich in ein Minenfeld“. Neugierig, aber offenbar auch gelassen sieht er Reaktionen entgegen.

Karsten Kolloge
Harpstedt
Redaktion Wildeshausen
Tel:
04431 9988 2706

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